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Was heißt Aufrichtigkeit?

  • 11. Feb.
  • 3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 12. Feb.

John Coltrane sagte einmal:

»You can play a shoestring, if you’re sincere«.

Die Idee ist also, dass man sein Leben gut leben kann, wenn man versucht, es aufrichtig zu leben. Dabei wäre es falsch, diesen Anspruch auf irgendwelche Moralismen zu reduzieren. Das Moralisieren führt zu denkbar wenig. Vielmehr hat dieser mit der Chance zu tun, etwas über sich in Erfahrung zu bringen – darüber, was man wirklich fühlt und denkt –, und damit etwas zu machen.


Wie das Coltrane-Zitat nahelegt, geht es dabei nicht um Meisterschaft. Eher verknüpft sich Aufrichtigkeit mit dem Finden des eigenen Stils. Wenn Sie Ihren Stil gefunden haben, ergibt es wenig Sinn, zum nächsten Kritiker, Richter oder Juroren zu laufen, um nach einem Urteil zu fragen. Man könnte Ihnen nur bescheinigen, dass Ihr Stil nach diesen oder jenen – ästhetischen, moralischen, religiösen oder politischen – Kriterien gut oder schlecht, achtenswert oder verdammenswert ist. Von diesen Instanzen irgendwelche Antworten zu erhoffen, hieße nur, noch nicht ganz erfasst zu haben, was es bedeutet, zu einem Stil gefunden zu haben.


Der eigene Stil hat mit einer Wahrhaftigkeit zu tun, die nicht mit objektiver Wahrheit verwechselt werden sollte. Es ist gut möglich und sogar wahrscheinlich, dass wir nie zur Wahrheit finden, aber wir können versuchen, uns selbst gegenüber aufrichtig zu sein, zu einem Ton zu finden, der sich richtig anfühlt.


Der Psychoanalytiker Christopher Bollas spricht vom Idiolekt des Charakters, den es zu bewahren und pflegen gilt: Im linguistischen Sinn besteht der Idiolekt aus der je spezifischen Sprechweise, dem Ausdrucksvermögen und dem Wortschatz des Individuums; in ähnlicher Weise können wir einen Idiolekt des eigenen Lebens annehmen, der etwas zutiefst eigenes, vielleicht sogar wesentlich nicht-intelligibles darstellt und zugleich nach einem Ausdruck sucht. Es hat seinen Preis, diesen Idiolekt zu ignorieren.


Dergestalt hat das Bemühen um Aufrichtigkeit auch nichts mit irgendwelchen Wahrheitsansprüchen zu tun. Es ist nicht zu verwechseln mit Gewissheit oder mit dem Gefühl, die Wahrheit für sich gepachtet zu haben – das wäre einfach nur Kritikresistenz, Unreife, oder das, was psychoanalytisch als Mentalisierungsstörung bezeichnet wird, als die Unfähigkeit, in Rechnung zu stellen, dass die eigenen Gedanken, Gefühle, Theorien etc., zuallererst genau das sind: Gedanken, Gefühle, Theorien – und nicht die Realität.


Nietzsche bedauerte, in jungen Jahren die Sprache seiner Vorbilder nachgeahmt und seiner eigenen Sprache beraubt gewesen zu sein. Es ist diese Art von Entfremdung, die potentiell ins Verderben führt. Das ist auch der eigentliche – im Mord mündende – Wahnsinn des überreizten und ideologisch einzementierten Raskolnikow in Dostojewskis Verbrechen und Strafe.


Dostojewski lässt Rasumichin, der zugleich ein treuer Freund als auch spiegelbildlicher Gegenpol Raskolnikows ist, alles Wesentliche dazu sagen:


»Denken Sie vielleicht, ich rege mich darüber auf, dass sie Unsinn reden? Mir gefällt es, wenn Unsinn geredet wird! Unsinn reden – das ist doch das einzige Privilegium des Menschen vor allen anderen Lebewesen. Du redest Unsinn – und kommst schließlich zur Wahrheit! Ich rede Unsinn, also bin ich ein Mensch. Wir haben uns noch nie zu einer Wahrheit durchgerungen, ohne vorher mindestens vierzehnmal Unsinn zu reden, vielleicht sogar hundertvierzehnmal, und das ist auf seine Weise durchaus ehrenhaft! Aber unser Grips reicht nicht, um originell Unsinn zu reden! Du darfst durchaus Unsinn reden, aber auf deine höchstpersönliche Art und Weise, und dafür kriegst du einen Kuß von mir. Auf höchstpersönliche Art und Weise Unsinn zu reden – das ist beinahe mehr wert, als ausschließlich fremde Wahrheiten nachzuplappern; im ersten Fall bist du ein Mensch, im zweiten nur ein Papagei! Die Wahrheit läuft einem nicht davon, aber das Leben kann man zunageln; dafür gibt es genug Beispiele.«

 
 
 

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