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Es werden mehr Schandtaten aus Langeweile verübt als aus Bosheit. Fragen Sie ein Kind, das Sie dabei ertappen, die Flügel einer Fliege zu stutzen: im Kern kindlicher Grausamkeit steckt nicht selten gähnende Langeweile (und hinter dieser wiederum gähnende Abwesenheit und eine zutiefst verstörende Form des Ausgesetztseins).
Zugleich liegt im Ersticken jeglicher Langeweile vielleicht bereits der Keim des eigentlichen Bösen: Goebbels deklarierte stolz, dass die Nationalsozialisten wenigstens nicht langweilig seien. Als Reichspropagandaleiter wusste er, dass wir uns allzu leicht von Anti-Establishment-Inszenierungen und Spektakel aller Art beeindrucken lassen.
Demgegenüber war das bürgerliche Selbstverständnis ursprünglich eng mit dem Konzept des Bedürfnisaufschubs und des nach außen hin unspektakulären Alltagslebens verknüpft: »Bonjour Tristesse!« Dieses Selbstverständnis entwickelte sich im Laufe der Aufklärung im Kontrast und in bewusster Abgrenzung zur aristokratischen Dekadenz. Denn der Adel war nicht geübt darin, mit Langeweile umzugehen: Es heißt, als der Marquis de Sade mit seiner Kutsche in einen Stau geriet, rammte er aus Ungeduld sein Schwert in den Bauch eines Pferdes.
Im 21. Jahrhundert ist die Beziehung zur Langeweile eher aristokratisch als bürgerlich geprägt: Irgendwo auf dem Weg in die Just-in-time-Konsumgesellschaft haben wir die Fähigkeit verloren, Langeweile zu ertragen.
Der Philosoph Arthur Schopenhauer schrieb in seinen Überlegungen zur Langeweile, dass man sich eine utopische Welt vorstellen könnte, in welcher die Truthähne bereits gebraten herumfliegen würden und Liebende einander ohne Verzögerung fänden. Kurz, er beschrieb eine Welt, die ihre Erfüllung in Lieferservices und Dating Apps sucht. Nun war Schopenhauer überzeugt davon, dass wir uns selbst und einander in so einer Welt umbringen würden. Aus Langeweile, meinte er, würden wir mehr Leid schaffen als nötig, schlicht, weil es sonst nichts zu tun gäbe. Deshalb betrachtete Schopenhauer die Langeweile als Kehrseite – und nicht etwa als das Gegenteil – des Leids, so dass er die Erfahrung des Lebens als Pendelbewegung zwischen dem einen und dem anderen Extrem auffasste.
Lassen Sie sich diese Schopenhauer'sche Pille auf der Zunge zergehen: Die Langeweile ist nicht das Gegenteil, sondern bloß die andere Seite des Leids. Eine Art Un-Leid also.
Natürlich lässt sich der Langeweile durch Ablenkung entfliehen. Schon Blaise Pascal stellte fest: »Ohne Unterhaltung gibt es keine Freude.«, nur um dem hinzuzufügen:
Nichts ist dem Menschen so unerträglich wie ein Zustand vollkommener Ruhe, ohne Leidenschaften, ohne Beschäftigung, ohne Zerstreuung, ohne Anstrengung. Da empfindet er sein Nichts, seine Verlassenheit, seine Unzulänglichkeit, seine Abhängigkeit, seine Ohnmacht, seine Leere.
Langeweile ist das Gefühl, das die Abwesenheit spürbar macht, uns in den Pascal’schen horror vacui fallen lässt. Trotzdem führt Langeweile nicht alle Menschen an diesen unerträglichen Nullpunkt des Seins. Nicht alle reagieren wie Pascal mit Panik, Verzweiflung oder der Sucht nach Ablenkung. Es ist keine leichte Aufgabe, zu lernen, die Langeweile erleiden zu können.
Intuitiv fliehen wir diesen Zustand eher. Im Roman Der Mann ohne Eigenschaften beschreibt Robert Musil die Vorkriegs-Gesellschaft Wiens im Jahr 1913 – also ein Jahr vor dem Kriegsausbruch – als einer gleichermaßen schlafwandlerischen wie umtriebigen Tristesse verhaftet. Dabei ist es die Figur des psychopathischen Serienmörders Moosbrugger, der diese Langeweile am Stärksten verkörpert:
Moosbrugger lächelte dazu. Er lächelte aus Langeweile. Die Langeweile wiegte seine Gedanken. Gewöhnlich löscht sie sie ja aus; aber die seinen wiegte sie diesmal; es war ein Zustand, wie wenn ein Schauspieler in der Garderobe sitzt und auf seinen Auftritt wartet.
Ob es ein Zufall ist, dass Musil diese an Schopenhauers Bemerkungen erinnernde Metapher gebraucht oder nicht: Dieses Wiegen ist die Pendelbewegung zwischen Langeweile und Leid, die Schopenhauer beschreibt; auch wenn Moosbrugger dieses Leid nur seine Opfer – und nicht sich selbst – erfahren lässt.
In Musils Roman wird in den Gazetten über Moosbruggers Taten berichtet. Im Roman tauschen sich die Charaktere darüber aus wie man sich heute über die neuesten Folgen auf True Crime-Podcasts austauscht: mit einem beiläufigen Schauer, der einen unbeteiligt und blasiert zurücklässt. Moosbrugger mordet aus Langeweile und diese Morde wiederum werden »Content« für das Zeitungspublikum, sich von der Langeweile abzulenken. Tödliche Langeweile.
Und trotzdem: Es gibt in der Langeweile einen Punkt, von dem aus das Pendel nicht mehr schwingt. Von dort aus lässt sich das Gegenteil der Langeweile erahnen, das nicht mit Ablenkung oder Zerstörung einhergeht, sondern mit Spiel, Kontemplation und Fürsorglichkeit.
Blaise Pascal, der große Gelangweilte, sich Zerstreuende, das Nichts Fürchtende, verlor seine Mutter im Alter von etwa zweieinhalb Jahren. Pascal taumelt und stürzt in die Leere. Ist Alles nichts oder ist alles im Nichts? Das ist die Frage.