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Vor ein paar Tagen las ich eine Biographie mit dem Titel The Price of Altruism. Das Buch behandelt das Leben und Denken von George Price, einem Chemiker, der das Verständnis der Evolutionstheorie um die sogenannte Price-Gleichung bereichert hat. Vor allem geht es darin aber um eine Frage, die sich vermutlich den meisten Menschen irgendwann stellt. Sie lautet: Gibt es echte Selbstlosigkeit oder ist diese nur ein verschleierter Egoismus?


Aus evolutionstheoretischer Perspektive wurde altruistisches Verhalten lange als Abweichung von Darwins Lehre betrachtet. Darwin selbst dachte, dass seine Theorie unvollständig sei, solange der Altruismus ein Rätsel bliebe. Price ermöglichte mit seiner Arbeit den mathematischen »Beweis« dafür, dass Altruismus aus evolutionstheoretischer Perspektive auf evolutionärem Selbstinteresse, der Weitergabe von Genen, beruht.


Price arbeitete für die innovativsten Institutionen seiner Zeit, unter anderem im Rahmen des Manhattan Projekts, für die Bell Labs und für IBM. Fachlich durchquerte er die Disziplinen und beschäftigte sich mit medizinischer Chemie ebenso wie mit Statistik, Biologie, Informatik und Kybernetik. Sein Leben lässt sich als Schnitzeljagd nach Erkenntnissen beschreiben. Zugleich war er jemand, der einen unersättlichen Drang nach Anerkennung hatte. Price lebte in der Überzeugung, ein verkanntes Genie zu sein und war besessen von dem Wunsch, etwas Bedeutsames hervorzubringen.


Während Price seine wissenschaftlichen Ambitionen vorantrieb, zerbrach seine Ehe. Seine Töchter beschrieben ihn als wohlmeinenden, aber abwesenden Vater, bis er schließlich, als beide noch Kinder waren, ganz aus ihrem Leben verschwand. Ihnen schrieb er, er würde für ein paar Monate für Recherchen nach Europa gehen; in einem Brief an einen Freund erläuterte er hingegen, dass es sich um eine glatte Lüge gehandelt hatte und er seine Rückkehr in die USA endlos hinausschieben würde.


Price selbst deutete später an, dass es biographische Entwicklungen waren, die ihn auf den Altruismus als Forschungsthema brachten: Was heißt es, für jemanden da zu sein? Was bedeuten Familie und Vaterschaft? Diese Fragen trieben ihn um. Hinter seinem abstrakten Thema stand die konkrete Familie, die Price verlassen hatte.


In einem Brief an seine Tochter Kathleen schreibt er, offenbar ohne die Ironie seiner Worte zu bemerken, frei übersetzt


»In meinem opus magnum wird es um den evolutionären Ursprung der menschlichen Familie gehen. Bei vielen Vogelarten, aber nur bei wenigen Säugetieren ist es üblich, dass der biologische Vater sich direkt um seine Nachkommen kümmert. Bei den meisten Säugetieren spielt der Vater nur bei der Zeugung eine Rolle, die Mutter zieht die Kinder allein auf. […] Aber in der menschlichen Gattung ist das dominante Muster in vielen, wenn nicht in allen Kulturen, dass sich die Väter [...] um ihre eigenen Kinder kümmern. Problem: Warum hat sich unsere Spezies so entwickelt? In Liebe, Papa«

Schließlich stellte Price eine Gleichung auf, die ihm seinen eigenen Egoismus nicht nur aufzeigte, sondern diesen in Stein zu meißeln schien.


Doch wer möchte schon erkennen, dass er nur einem blinden Automatismus folgt? Sein Forschungsergebnis erschien ihm als zutiefst unannehmbar.


Mir geht es nicht darum, die Frage zu klären, ob der reduktionistische Ansatz, den Price verfolgte, valide ist. Was mich beschäftigt, ist die Kehre in seinem Leben, die Art und Weise, wie Price mit seiner Erkenntnis umging: Kurze Zeit nach seiner Entdeckung konvertierte er, der stets militanter Atheist gewesen war, zum Christentum, verschenkte alles, was er besaß, lebte unter Londoner Obdachlosen und beging 1975 Selbstmord in einem besetzten Haus, in welchem er die letzten Jahre seines Lebens zugebracht hatte.


Zugleich muss er sich darüber bewusst gewesen sein, dass es altruistische Taten gibt, die durch seine eigenen Überlegungen kaum zu erklären sind: Soldaten, die sich als lebendes Schutzschild auf eine Granate werfen, um Kameraden zu schützen, mit denen sie nie auch nur ein Wort gesprochen haben, Menschen, die sich in reißende Flüsse stürzen, um völlig Fremde und sogar Tiere zu retten. Die Empirie zeigt sehr klar, dass es nicht nur um die Weitergabe von Genen gehen dürfte. Doch Price dürfte seinen eigenen Egoismus als eine Art von von Naturgesetz erkannt haben. Deshalb machte er, was Menschen nun mal zu machen neigen, wenn sie Selbsterkenntnisse haben: er rebellierte dagegen.


Er veränderte radikal sein Leben, mit dem Ziel, die Schlussfolgerungen, die seine Gleichung im Hinblick auf den Altruismus nahelegten, durch Taten zu widerlegen. Er umgab sich mit Menschen, denen er weder aufgrund seiner Verwandtschaft noch aufgrund instrumenteller Interessen zugetan war. Er gab seinen Besitz auf und verschenkte sein Eigentum, bis er nicht einmal mehr ein Paar Schuhe besaß.


Nun könnte diese Gegenreaktion auf die Implikationen der eigenen Forschung als widersprüchlich bezeichnet werden: Wenn jeder Altruismus am Ende nur versteckter Egoismus ist, und dies noch dazu evolutionär festgeschrieben ist, wäre auch Price’s Selbstsucht entschuldbar gewesen. Doch sein selbstgeschaffener Freispruch führte nicht zum Schwinden der Schuld, sondern dazu, dass er sich seiner Verantwortung bewusst wurde. Erstmals wurde die volle Wucht seiner Schuld spürbar.


Um diese Zeit herum versuchte er auch, den Kontakt zu seinen beiden Töchtern wieder aufzunehmen, doch die Wiederannäherung schlug fehl. Das Scheitern seiner Ehe bedauerte er bis an sein Lebensende. In einem der Briefe an eine seiner Töchter schrieb er, frei übersetzt:

»Es tut mir leid, dass ich dich damals verlassen habe, und es tut mir leid, dass ich dir so ein schlechter Vater war. Wenn ich jetzt dein Bild betrachte, wünschte ich, ich könnte nochmals von vorne beginnen.«

Price’s Geschichte ließe sich auf alle möglichen mehr oder weniger aufschlussreichen Weisen psychoanalytisch ausdeuten, auch wäre es ein Leichtes, ihm einen ganzen Strauss psychiatrischer Diagnosen umzuhängen. Seinem Schicksal würde das nicht gerecht werden. Zweifellos zeigt sich in seiner Biographie die Sehnsucht nach und die Unfähigkeit zu konkreter, zwischenmenschlicher Nähe. Wenn ich so darüber nachdenke, dann habe ich den Eindruck, dass er sich mit wichtigen Fragestellungen beschäftigt hat, die jedes Leben begleiten, aber auf die abstrakteste Weise, die ihm zugänglich war.


Wenn es zu keiner Versöhnung zwischen dem Abstrakten und dem Konkreten kommt, ist das eine Tragödie.




Quellen: Harman, Oren, The Price of Altruism, George Price and the Search for the Origins of Kindness, W. W. Norton, New York, London 2010.

  • 3 Min. Lesezeit

Es werden mehr Schandtaten aus Langeweile verübt als aus Bosheit. Fragen Sie ein Kind, das dabei ertappt wurde, die Flügel einer Fliege zu stutzen: im Kern kindlicher Grausamkeit steckt nicht selten gähnende Langeweile (und hinter dieser wiederum gähnende Abwesenheit und eine zutiefst verstörende Form des Ausgesetztseins).


Zugleich liegt im Ersticken jeglicher Langeweile vielleicht bereits der Keim des eigentlichen Bösen: Goebbels deklarierte stolz, dass die Nationalsozialisten wenigstens nicht langweilig seien. Als Reichspropagandaleiter wusste er, dass wir uns allzu leicht von Anti-Establishment-Inszenierungen und Spektakel aller Art beeindrucken lassen.


Demgegenüber war das bürgerliche Selbstverständnis ursprünglich eng mit dem Konzept des Bedürfnisaufschubs und des nach außen hin unspektakulären Alltagslebens verknüpft: »Bonjour Tristesse!« Dieses Selbstverständnis entwickelte sich im Laufe der Aufklärung im Kontrast und in bewusster Abgrenzung zur aristokratischen Dekadenz. Denn der Adel war nicht geübt darin, mit Langeweile umzugehen: Es heißt, als der Marquis de Sade mit seiner Kutsche in einen Stau geriet, rammte er aus Ungeduld sein Schwert in den Bauch eines Pferdes.


Im 21. Jahrhundert ist die Beziehung zur Langeweile eher aristokratisch als bürgerlich geprägt: Irgendwo auf dem Weg in die Just-in-time-Konsumgesellschaft haben wir die Fähigkeit verloren, Langeweile zu ertragen.


Der Philosoph Arthur Schopenhauer schrieb in seinen Überlegungen zur Langeweile, dass man sich eine utopische Welt vorstellen könnte, in welcher die Truthähne bereits gebraten herumfliegen würden und Liebende einander ohne Verzögerung fänden. Kurz, er beschrieb eine Welt, die ihre Erfüllung in Lieferservices und Dating Apps sucht. Nun war Schopenhauer überzeugt davon, dass wir uns selbst und einander in so einer Welt umbringen würden. Aus Langeweile, meinte er, würden wir mehr Leid schaffen als nötig, schlicht, weil es sonst nichts zu tun gäbe. Deshalb betrachtete Schopenhauer die Langeweile als Kehrseite – und nicht etwa als das Gegenteil – des Leids, so dass er die Erfahrung des Lebens als Pendelbewegung zwischen dem einen und dem anderen Extrem auffasste.


Lassen Sie sich diese Schopenhauer'sche Pille auf der Zunge zergehen: Die Langeweile ist nicht das Gegenteil, sondern bloß die andere Seite des Leids. Eine Art Un-Leid also.


Natürlich lässt sich der Langeweile durch Ablenkung entfliehen. Schon Blaise Pascal stellte fest: »Ohne Unterhaltung gibt es keine Freude.«, nur um dem hinzuzufügen:


Nichts ist dem Menschen so unerträglich wie ein Zustand vollkommener Ruhe, ohne Leidenschaften, ohne Beschäftigung, ohne Zerstreuung, ohne Anstrengung. Da empfindet er sein Nichts, seine Verlassenheit, seine Unzulänglichkeit, seine Abhängigkeit, seine Ohnmacht, seine Leere.

Langeweile ist das Gefühl, das die Abwesenheit spürbar macht, uns in den Pascal’schen horror vacui fallen lässt. Trotzdem führt Langeweile nicht alle Menschen an diesen unerträglichen Nullpunkt des Seins. Nicht alle reagieren wie Pascal mit Panik, Verzweiflung oder der Sucht nach Ablenkung. Es ist keine leichte Aufgabe, zu lernen, die Langeweile erleiden zu können.


Intuitiv fliehen wir diesen Zustand eher. Im Roman Der Mann ohne Eigenschaften beschreibt Robert Musil die Vorkriegs-Gesellschaft Wiens im Jahr 1913 – also ein Jahr vor dem Kriegsausbruch – als einer gleichermaßen schlafwandlerischen wie umtriebigen Tristesse verhaftet. Dabei ist es die Figur des psychopathischen Serienmörders Moosbrugger, der diese Langeweile am Stärksten verkörpert:

Moosbrugger lächelte dazu. Er lächelte aus Langeweile. Die Langeweile wiegte seine Gedanken. Gewöhnlich löscht sie sie ja aus; aber die seinen wiegte sie diesmal; es war ein Zustand, wie wenn ein Schauspieler in der Garderobe sitzt und auf seinen Auftritt wartet.

Ob es ein Zufall ist, dass Musil diese an Schopenhauers Bemerkungen erinnernde Metapher gebraucht oder nicht: Dieses Wiegen ist die Pendelbewegung zwischen Langeweile und Leid, die Schopenhauer beschreibt; auch wenn Moosbrugger dieses Leid nur seine Opfer – und nicht sich selbst – erfahren lässt.


In Musils Roman wird in den Gazetten über Moosbruggers Taten berichtet. Im Roman tauschen sich die Charaktere darüber aus wie man sich heute über die neuesten Folgen auf True Crime-Podcasts austauscht: mit einem beiläufigen Schauer, der einen unbeteiligt und blasiert zurücklässt. Moosbrugger mordet aus Langeweile und diese Morde wiederum werden »Content« für das Zeitungspublikum, sich von der Langeweile abzulenken. Tödliche Langeweile.


Und trotzdem: Es gibt in der Langeweile einen Punkt, von dem aus das Pendel nicht mehr schwingt. Von dort aus lässt sich das Gegenteil der Langeweile erahnen, das nicht mit Ablenkung oder Zerstörung einhergeht, sondern mit Spiel, Kontemplation und Fürsorglichkeit.


Blaise Pascal, der große Gelangweilte, sich Zerstreuende, das Nichts Fürchtende, verlor seine Mutter im Alter von etwa zweieinhalb Jahren. Pascal taumelt und stürzt in die Leere. Ist Alles nichts oder ist alles im Nichts? Das ist die Frage.



Auf dem Sucht-Blog finden sich kurze Auszüge meines Artikels über den Zusammenhang von Sucht und Rausch. Dabei habe ich im Artikel vorgeschlagen, Sucht und Rausch als Pole eines Kontinuums zu verstehen – was ich sowohl für theoretisch sinnvoll als auch klinisch hilfreich halte.




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