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Aktualisiert: 12. Feb.

John Coltrane sagte einmal:

»You can play a shoestring, if you’re sincere«.

Die Idee ist also, dass man sein Leben gut leben kann, wenn man versucht, es aufrichtig zu leben. Dabei wäre es falsch, diesen Anspruch auf irgendwelche Moralismen zu reduzieren. Das Moralisieren führt zu denkbar wenig. Vielmehr hat dieser mit der Chance zu tun, etwas über sich in Erfahrung zu bringen – darüber, was man wirklich fühlt und denkt –, und damit etwas zu machen.


Wie das Coltrane-Zitat nahelegt, geht es dabei nicht um Meisterschaft. Eher verknüpft sich Aufrichtigkeit mit dem Finden des eigenen Stils. Wenn Sie Ihren Stil gefunden haben, ergibt es wenig Sinn, zum nächsten Kritiker, Richter oder Juroren zu laufen, um nach einem Urteil zu fragen. Man könnte Ihnen nur bescheinigen, dass Ihr Stil nach diesen oder jenen – ästhetischen, moralischen, religiösen oder politischen – Kriterien gut oder schlecht, achtenswert oder verdammenswert ist. Von diesen Instanzen irgendwelche Antworten zu erhoffen, hieße nur, noch nicht ganz erfasst zu haben, was es bedeutet, zu einem Stil gefunden zu haben.


Der eigene Stil hat mit einer Wahrhaftigkeit zu tun, die nicht mit objektiver Wahrheit verwechselt werden sollte. Es ist gut möglich und sogar wahrscheinlich, dass wir nie zur Wahrheit finden, aber wir können versuchen, uns selbst gegenüber aufrichtig zu sein, zu einem Ton zu finden, der sich richtig anfühlt.


Der Psychoanalytiker Christopher Bollas spricht vom Idiolekt des Charakters, den es zu bewahren und pflegen gilt: Im linguistischen Sinn besteht der Idiolekt aus der je spezifischen Sprechweise, dem Ausdrucksvermögen und dem Wortschatz des Individuums; in ähnlicher Weise können wir einen Idiolekt des eigenen Lebens annehmen, der etwas zutiefst eigenes, vielleicht sogar wesentlich nicht-intelligibles darstellt und zugleich nach einem Ausdruck sucht. Es hat seinen Preis, diesen Idiolekt zu ignorieren.


Dergestalt hat das Bemühen um Aufrichtigkeit auch nichts mit irgendwelchen Wahrheitsansprüchen zu tun. Es ist nicht zu verwechseln mit Gewissheit oder mit dem Gefühl, die Wahrheit für sich gepachtet zu haben – das wäre einfach nur Kritikresistenz, Unreife, oder das, was psychoanalytisch als Mentalisierungsstörung bezeichnet wird, als die Unfähigkeit, in Rechnung zu stellen, dass die eigenen Gedanken, Gefühle, Theorien etc., zuallererst genau das sind: Gedanken, Gefühle, Theorien – und nicht die Realität.


Nietzsche bedauerte, in jungen Jahren die Sprache seiner Vorbilder nachgeahmt und seiner eigenen Sprache beraubt gewesen zu sein. Es ist diese Art von Entfremdung, die potentiell ins Verderben führt. Das ist auch der eigentliche – im Mord mündende – Wahnsinn des überreizten und ideologisch einzementierten Raskolnikow in Dostojewskis Verbrechen und Strafe.


Dostojewski lässt Rasumichin, der zugleich ein treuer Freund als auch spiegelbildlicher Gegenpol Raskolnikows ist, alles Wesentliche dazu sagen:


»Denken Sie vielleicht, ich rege mich darüber auf, dass sie Unsinn reden? Mir gefällt es, wenn Unsinn geredet wird! Unsinn reden – das ist doch das einzige Privilegium des Menschen vor allen anderen Lebewesen. Du redest Unsinn – und kommst schließlich zur Wahrheit! Ich rede Unsinn, also bin ich ein Mensch. Wir haben uns noch nie zu einer Wahrheit durchgerungen, ohne vorher mindestens vierzehnmal Unsinn zu reden, vielleicht sogar hundertvierzehnmal, und das ist auf seine Weise durchaus ehrenhaft! Aber unser Grips reicht nicht, um originell Unsinn zu reden! Du darfst durchaus Unsinn reden, aber auf deine höchstpersönliche Art und Weise, und dafür kriegst du einen Kuß von mir. Auf höchstpersönliche Art und Weise Unsinn zu reden – das ist beinahe mehr wert, als ausschließlich fremde Wahrheiten nachzuplappern; im ersten Fall bist du ein Mensch, im zweiten nur ein Papagei! Die Wahrheit läuft einem nicht davon, aber das Leben kann man zunageln; dafür gibt es genug Beispiele.«

  • 3 Min. Lesezeit

Manchmal hört man, dass Träume Schäume seien. Sicher ist, dass viele Menschen ihren Träumen keine Beachtung schenken. Im Alltag ist es leicht, sich nicht mit ihnen aufzuhalten. Weder widmet man ihnen Aufmerksamkeit, noch betrachtet man sie als ein Geschenk, das es auszupacken gilt. Stattdessen erstickt man ihre Vergegenwärtigung im Getümmel des Alltags.


Aus wissenschaftlicher Perspektive ist die Einschätzung, dass Träume bedeutungslos seien, längst nicht mehr haltbar.


Die moderne Traumforschung, die sich aus den Ergebnissen der Neurowissenschaften, der Psychologie, der Philosophie des Geistes und der Psychoanalyse speist, zeigt vielmehr, dass Träume ein hochorganisiertes, affektiv aufgeladenes und subjektiv sinnvolles Phänomen darstellen. Die Frage ist daher weniger, ob Träume Schäume sind, sondern vielmehr, was Träume über das Wesen des Bewusstseins und des Unbewussten verraten.


Lange Zeit dominierte in den Neurowissenschaften die von Allan Hobson vertretene Aktivierungs-Synthese-Hypothese. Diesem Modell zufolge entstehen Träume primär durch zufälliges, hirnstammvermitteltes neuronales Feuern im REM-Schlaf, das vom Kortex nachträglich zu scheinbar sinnhaften Narrativen »synthetisiert« wird. Bedeutung, Intentionalität oder psychologischer Gehalt der Träume seien demnach oberflächliche Phänomene ohne funktionale Tiefe. Diese Position hatte großen Einfluss, nicht zuletzt weil sie gut mit einem streng bottom-up-orientierten, mechanistischen Gehirnverständnis – wie es von der behavioristischen Psychologie eingefordert wurde –, harmonierte und psychoanalytische Traumtheorien explizit zurückwies.


Gegen diese Auffassung hat sich insbesondere Mark Solms profiliert, der sowohl Neurowissenschaftler als auch Psychoanalytiker ist. Solms konnte anhand neuropsychologischer Läsionsstudien nachweisen, dass das Träumen nicht primär vom REM-Schlaf abhängt, sondern von dopaminergen, mesolimbischen Netzwerken, die mit Motivation, Emotion und Zielgerichtetheit verbunden sind. Patienten mit Läsionen im Hirnstamm können weiterhin träumen, während Läsionen im ventromesialen Frontallappen das Träumen zum Erliegen bringen – selbst bei intaktem REM-Schlaf. Damit wurde Hobsons These eines rein zufälligen Aktivierungsprozesses empirisch widerlegt.


Hobson selbst hat seine Theorie – auf der letzten Endes seine gesamte Karriere fußte –, aufgrund derartiger Erkenntnisse stark relativiert. Träume sind aus dieser Perspektive betrachtet nicht einfach nur Abfallprodukte neuronaler Aktivität, sondern Ausdruck eines affektiv aufgeladenen Bewusstseins, in dem Wünsche, Sorgen und existenzielle Themen symbolisch verarbeitet werden. Dass Solms hier explizit an psychoanalytische Konzepte anschließt, bedeutet nicht eine Rückkehr zu spekulativer Metapsychologie, sondern eine empirisch informierte Revision derselben.

Eine wichtige Brücke zwischen affektiver Neurobiologie und Traumtheorie schlägt Jaak Panksepp. Seine Arbeiten zu evolutionär alten, subkortikalen Emotionssystemen – Systeme, die er mit Großbuchstaben, z. B. SEEKING, FEAR und CARE benennt – zeigen, dass Affekte nicht bloß kognitive Bewertungen sind, sondern dass sie das bewusste Erleben organisieren.


Träume sind in diesem Licht keine Überreste unsauberer kognitiver Arbeit, vielmehr manifestieren sich in diesen die grundlegenden Affektsysteme. Ermöglicht wird dies durch einen Zustand reduzierter sensorischer Beschränkung, sprich, durch das Wegfallen der unmittelbaren Einschränkungen durch die Außenwelt. Besonders das dopaminerge SEEKING-System, das mit Neugier, Erwartung und motivationaler Spannung verbunden ist und früher irreführenderweise als Belohnungssystem bezeichnet wurde, spielt nach Panksepp eine zentrale Rolle im Traumgeschehen.


Träume erscheinen so als affektiv strukturierte Simulationen, in denen das Gehirn ohne äußeren Zwang emotional hoch bedeutsame Szenarien generiert. Träume sind Experimente unter veränderten Bewusstseinszuständen, wodurch diese neue Perspektiven auf die Wirklichkeit zutage fördern können. Der Traumforscher Robert Stickgold hat Träume mit »riskanten Investments« verglichen, die manchmal zu nichts führen, andere Male dafür aber Gewinne in Form höchst bedeutsamer Erkenntnisse nach sich ziehen. Dabei geht es wohlgemerkt weniger um Problemlösung als um die persönliche Signifikanz des Traums für den Träumenden.


Gerade weil das Bewusstsein während des Träumens in stark verringerter Form durch äußere Einflüsse beschränkt wird,ermöglicht das Traumbewusstsein einen direkten Einblick in die affektive, motivationale und selbstbezogene Organisation des Gehirns.


Quellen:


Hobson, Allan J., Dreaming: A Very Short Introduction, Routledge, Oxford, New York 2002.


Hobson, Allan J., Tranquillo, Nicholas (Hg.) Dream Consciousness. Allan Hobson’s New Approach to the Brain and Its Mind, Springer, Cham, Heidelberg New York, Dordrecht, London 2014.


Kaplan-Solms, Karen, Solms, Mark, Neuro-Psychoanalyse, Eine Einführung mit Fallstudien, Klett-Cotta, Stuttgart 2003.


Robb, Alice, Why We Dream, Houghton Mifflin Harcourt Publishing Company, New York 2018.


Solms, Mark, The Hidden Spring, A Journey to the Source of Consciousness, w. W. Norton and Company, New York 2021.


Zadra, Antonio, Stickgold, Robert, When Brains Dream, Exploring the Science and Mystery of Sleep, W. W. Norton & Company, New York 2021.



  • 4 Min. Lesezeit

Es ist leicht, dem Mond ein Gesicht zu geben. Ich stelle mir vor, dass die ersten Gesichter, die wir im Leben wahrgenommen haben, für uns zu Beginn ein wenig so aussahen wie der Vollmond: helle Flecken vor einem dunklen Hintergrund, die sich erst langsam ausdifferenzieren. Der Mond scheint sich jedenfalls gut dafür zu eignen, mit ihm in eine Art von Zwiesprache zu treten; und tatsächlich befindet er sich ja auch in einer Zwiesprache mit der Erde, über den Lauf der Gezeiten verbunden – das ist das Medium, in dem dieses Gespräch stattfindet. Für unsereins mag das schwieriger sein. Von der Erde aus betrachtet wirkt der Mond so klein, dass man ihn tatsächlich in der Fassung einer Laterne einfangen könnte. Es ist alles eine Frage der Perspektive und der Optik: Was schon Galilei wusste, der sich, ausgestattet mit seinen geschliffenen, venezianischen Linsen, daran machte, ein Fernrohr zu bauen, von dessen Erfindung in Belgien er ein Gerücht gehört hatte.


In seinem dem Großherzog der Toscana, Cosimo von Medici, gewidmeten Werk Sidereus Nuncius beschreibt er den durch sein Fernrohr betrachteten Mond auf die folgende Weise:


»Man erkennt […] aufgrund sinnlicher Gewißheit, dass der Mond keineswegs eine sanfte und glatte, sondern eine raue und unebene Oberfläche besitzt und dass er, ebenso wie das Antlitz der Erde selbst, mit ungeheuren Schwellungen, tiefen Mulden und Krümmungen überall bedeckt ist.« 

Auf der Zeichnung Galileis sieht man sogar einen Krater, der sich in etwa dort befindet, wo der Krater Tycho ist. Stanley Kubrick lässt diesen im Film 2001 – Odyssee im Weltraum zum Fundort des schwarzen Monolithen werden, dem manifestierten Mysterium, das immer über sich selbst hinaus auf ein neues Unbekanntes verweist: Im Film stößt der Monolith bei seiner Bergung ein Hochfrequenzsignal Richtung Jupiter aus. Die Menschheit begibt sich auf kosmische Schnitzeljagd.


Die moderne Beziehung zum Mond ist geprägt von diesem Wechselspiel zwischen Wissenschaft und Imagination. Dies gilt nicht nur für Galileo Galilei, sondern auch für Johannes Kepler, der mit dem Werk Somnium Sive Astronomia Lunaris – dem Traum vom Mond –, nach heutigen Maßstäben Science Fiction in Reinform geschrieben hat. Wohlgemerkt entstand diese Schrift im ersten Viertel des 17. Jahrhunderts, unter dem Eindruck der Trauer um seine verstorbene Mutter als auch unter jenem der Inquisition, zu einer Zeit, als enge Freunde Keplers aufgrund ihrer Überzeugungen hingerichtet wurden; einer dieser Freunde war der Rektor der Prager Universität, dem die Zunge herausgeschnitten wurde, bevor ihn ein Henker mit dem Schwert enthauptete.


Es war eine gute Zeit, um ein bisschen verrückt zu werden. Kepler lässt sein Alter Ego mit den Worten beginnen:


»Mein Name ist Duracotus, mein Heimatland Island, das die Alten Thule nannten. Meine Mutter war Fiolxhilde, die, da sie jüngst gestorben ist, mir die Erlaubnis zum Schreiben erteilte, auf die ich längst gewartet hatte. Solange sie lebte, gab sie sich alle Mühe, mich vom Schreiben abzuhalten. Sie pflegte nämlich zu sagen, es gebe viele gefährliche Feinde der Künste, die das, was sie wegen der Stumpfheit ihres Geistes nicht fassen können, anprangern und dem Menschengeschlecht ungerechte Gesetze auferlegen würden.«

Die Mondlandschaft ist eine schöne, aber auch endzeitliche Welt. Mit ihrer kartographischen und wissenschaftlichen Erfassung scheint sie inzwischen nur noch als potentiell ausbeutbare Rohstoffquelle interessant zu sein. Ich erinnere mich an den Anblick von Bildern des Goldabbaus in Peru, an Mondlandschaften auf der Erde.


Die dunkle Seite des Mondes war zumindest für eine Weile weniger karg; hier wucherte die Phantasie. Auf dieser Seite wurde keine Flagge gehisst. Durch die gebundene Rotation ist eine Seite des Mondes immer der Erde zugewandt. Das bedeutet, dass die andere Hälfte unserem Blick verborgen bleibt, weshalb diese als die dunkle Seite bekannt ist: das Tageslicht erreicht diese Seite ebenso regelmäßig wie die andere, aber wir sehen sie nie von der Erde aus.


Erst sowjetische Raumsonden lieferten die ersten Aufnahmen der Rückseite, später folgten detaillierte Kartierungen durch Satellitenmissionen. Die Unterschiede sind markant: Die Rückseite zeigt weit weniger mare, Mondmeere, von denen man heute weiß, dass es sich um dunkle Basaltflächen vulkanischen Ursprungs handelt – die Apollo 11-Mission landete so etwa im Mare tranquillitatis, dem Meer der Ruhe, da die Oberflächenbeschaffenheit dieser Gebiete weniger rau ist. Stattdessen dominieren auf der Rückseite Einschlagskrater unterschiedlicher Größe und Alter. Noch immer ungeklärt ist, weshalb genau die geologischen Unterschiede so ausgeprägt sind.


Wenn wir zum Mond hinaufschauen, ist es manchmal, um eine Beziehung zu etwas Echtem herzustellen. Mit einer App erfasse ich irgendeinen Stern, der 250 Lichtjahre von uns entfernt ist: Das sind 2,37 Quadrilliarden Kilometer, eine mir völlig unbegreifliche Distanz. Als ich gerade dabei war, auf diesen Stern zu zielen, jaulte meine Hündin wegen irgendeinem seltsamen Geschrei auf, das vielleicht von einer Katze, vielleicht von einem anderen Tier kam, ein wirklich sonderbares Geräusch. Ich beruhigte sie und sagte ihr, dass die Welt ein komischer Ort sei.


Das Leben bereitet allen Tieren eine Menge Angst, es ist dieses Unbekannte, mit dem wir alle konfrontiert sind, und ich dachte dann daran, dass mein Hund einmal sterben wird und dass auch das diese Reise ins Unbekannte ist; wir bewegen uns auf das Unbekannte zu. Unweigerlich. Diesbezüglich haben wir keine Wahl. Alles, was die Psychoanalyse zu sagen hat, sind Erörterungen darüber, wie wir uns dem Unbekannten nähern oder wie wir es von uns fernhalten, welchen Umgang wir damit pflegen.


Quellen:


Galilei, Galileo, Sidereus Nuncius, Nachricht von neuen Sternen, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2. Auflage 2002.


Kepler, Johannes, Der Traum, oder: Mond-Astronomie / SOMNIUM SIVE ASTRONOMIA LUNARIS, Matthes & Seitz, Berlin 2021.


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