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  • 2 Min. Lesezeit

Eine psychische Krise ist eine Zustandsveränderung: Die Welt ist eine andere geworden.


So schlägt uns die Welt in einer Depression als graue, zweidimensionale Flachheit entgegen: Der Geschmackssinn versagt. Die Ohren vernehmen nur noch Lärm. Aus dem Körper weicht jegliche Kraft. Wir sind überzeugt davon, allein zu sein, selbst wenn andere das Gegenteil beteuern.


Man hat nicht nur einfach eine Depression. Wenn man sie durchläuft, ist sie nicht einfach nur ein Randfaktor der Existenz, sie ist die Existenz selbst.


Es handelt sich bei so einem Zustand um kein Symptom, sondern um ein umfassendes Lebensgefühl, eine Weise des In-der-Welt-Seins.


Es gibt ein Wissen, das vermutlich nur durch solche und ähnliche länger anhaltende psychische Krisenzustände erworben werden kann: Inmitten der Krise fühlt es sich so an, als würde das Lebensgefühl, in dem man sich befindet, »natürlich« sein und niemals enden – als wäre man genau das, was man zu sein glaubt.


Wenn die Krise jedoch abgeklungen ist, erkennt man aus erster Hand, dass Bewusstseinsveränderungen so radikal und stark sein können, dass man vergisst, wie es sich vorher angefühlt hatte.


Man hatte einfach keinen Zugang mehr dazu, dass das Leben sich auch anders anfühlen kann, dass es sehr unterschiedliche Arten des In-der-Welt-Seins geben kann.


Matthew Ratcliffe, ein Philosoph, der eine Phänomenologie der Depression verfasst hat und immer wieder von dieser heimgesucht wurde, schreibt:

Although this ‘world’ or ‘sense of reality and belonging’ is not completely lost in depression, I will argue [...] that it is profoundly altered—the person does not feel fully ‘part of the world’ and everything seems somehow different. [...] such experiences cannot be accounted for solely in terms of what the person perceives, feels, believes, or remembers. They involve a change in the structure of perceiving, feeling, believing, and remembering, attributable to a disturbance of ‘world’.

Es gibt Menschen, die, – außer in zeitlich stark begrenzten Zuständen wie im Rausch, im Schlaf, in der Sexualität oder im Traum – nie längere Zustandsveränderungen durchlebt haben. Sie wissen nicht oder nur theoretisch, wie sehr sich das Gefühl des In-der-Welt-Seins wandeln kann.


Dahingegen ist es etwas deutlich anderes, sich darüber bewusst zu werden, dass, auf welche Weise auch immer die Welt erfahren wird, sich verändern und irgendwann auch enden wird. Die Depression ist ein Bewusstseinszustand. Dasselbe gilt für Angst, Paranoia und Psychose, für alle nur denkbaren Erfahrungen, die einen das Leben durchlaufen lässt.


Menschen, die solche Zustände durchleben und aus diesen hervorgehen, wissen, dass es veränderte Zustände gibt. Das zu wissen kann in einer krisenhaften Zeit ein Anker sein, um diese Phase auszuhalten. Im Hinblick auf das restliche Leben kann diese Erkenntnis ein Geschenk sein.


Ich würde sogar behaupten, dass sich daraus ein ethischer Imperativ ableiten ließe:


Handle stets so, dass dein Handeln in Rechnung stellt, dass die Wahrnehmung deiner Welt, deiner selbst und der anderen sich verändern wird, auch wenn du es gerade nicht für möglich hältst.

Quellen:


Ratcliffe, Matthew, Experiences of Depression: A study in phenomenology, Oxford University Press, Oxford 2015.

  • 3 Min. Lesezeit

Cormac McCarthy ist vor allem durch seine Romane Die Abendröte im Westen und The Road bekannt, Werke, die sowohl als Romane wie auch als anthropologisch-psychologische Studien über die menschliche Natur gelesen werden können. Seine literarische Sprache ist bildhaft-archaisch; so beschwört er unmittelbar unsere visuelle Vorstellungskraft, wenn er Die Abendröte im Westen mit einer direkten Aufforderung an diese beginnen lässt:


»Seht das Kind. Der Junge ist blass und mager, trägt ein dünnes, zerschlissenes Leinenhemd.«.

Vor einigen Jahren hat McCarthy einen Essay für das Nautilus-Magazin geschrieben, in welchem er eine prägnante Theorie des Unbewussten vorlegt, die seiner literarischen Arbeit entspricht: The Kekulé Problem.


Der Titel des Essays bezieht sich auf den Chemiker August Kekulé, der sein Fach revolutionierte, als er die Struktur des Benzolmoleküls entdeckte, bzw., genauer: erträumte. Denn diese Entdeckung wurde ihm in einem Traum eingegeben. In besagtem Traum beobachtete Kekulé eine Schlange dabei, wie sie ihren eigenen Schwanz zu verschlingen im Begriff war. Er erwachte mit dem Aha-Erlebnis, dass es sich bei bei dem Traumbild um die Struktur des Benzolmoleküls handeln musste.


Kekulè löste also ein neuartiges, wissenschaftliches Problem mithilfe eines Traumsymbols. Er gehört damit zu einer Reihe von Wissenschaftlern und Denkern, denen ähnliches widerfahren ist: Darunter Dmitri Mendelejew, Henri Poincaré, und Otto Loewi.


Im Kern geht es in McCarthys Essay um die Nachrangigkeit der Sprache gegenüber einem fundamentaleren Denkprozess, der offenbar bildhaft-symbolisch statt logisch-sprachlich abläuft.


Die Frage, die sich für McCarthy stellt, ist die folgende: Wenn August Kekulé die Struktur des Benzolmoleküls sucht — warum sagt sein Unbewusstes ihm nicht einfach: »Es ist ein Ring.« Warum schickt es stattdessen die Vision einer Schlange, die sich selbst verschlingt?


McCarthys Antwort lautet: Weil das Denken auf unbewusster Ebene nicht sprachlich, sondern symbolisch, bildhaft abläuft. Probleme werden nicht auf der sprachlichen Ebene gelöst.

Offenbar funktioniert das auch mit komplexen Problemen.


Dass Mathematikern in Träumen Lösungen für irgendwelche im Wachen unlösbaren Probleme mitgeteilt werden, und zwar ebenfalls vor allem in Form von Bildern und Symbolen, wertet McCarthy als Hinweis darauf, dass das Unbewusste offenbar sogar des Rechnens fähig ist. Das Unbewusste rechnet. Aber es rechnet nicht mit Zahlen.


Das is erstaunlich als auch in gewisser Weise auch naheliegend, denn, wie McCarthy hervorhebt, das Unbewusste ist – evolutionär, im Hinblick auf die Geschichte der Gattung, als auch individuell – sehr viel älter als das bewusste, sprachliche Denken. Die Sprache ist nur der Überbau für das eigentliche Denken, das dem sprachlichen Ausdruck vorausgeht.


Demnach geht unser Unbewusstes aus einem mit anderen Säugetieren geteilten, gemeinsamen Erbe hervor:


»Das Unbewusste ist eine Maschine zum Betreiben eines Tieres.«

McCarthy zufolge konnte das Unbewusste nie in Worten kommunizieren, also tut es das auch heute nicht. Und es misstraut der Sprache. Sprache ist für das Unbewusste, wie McCarthy es sieht, eine junge, eher störende Erfindung und eine Ablenkung vom Wesentlichen. Worte sind demnach nicht das eigentliche Medium des Denkens; vielmehr komprimieren sie den Denkprozess in handhabbare Päckchen. Sprache ist aus dieser Perspektive betrachtet deshalb in erster Linie ein Mittel der Komplexitätsreduktion: es geht um die Vereinfachung von Phänomenen, die in Wirklichkeit unendlich reichhaltig sind. Die Psychoanalyse kennt diesbezüglich das Konzept der Nachträglichkeit, das ein sehr ähnliches Phänomen beschreibt.


Das Unbewusste versucht uns mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln etwas begreiflich zu machen und eine Erkenntnis in Szene zu setzen. Wenn wir es nicht begreifen, wird es immer wieder von Neuem versuchen, einen uns verständlicheren Ausdruck zu finden. McCarthy schreibt:


»Jeder kennt wiederkehrende Träume. Dabei kann man sich das Unbewusste wirklich als mehrstimmig vorstellen: Er versteht’s nicht, oder? Nein. Er ist ziemlich stur. Was möchtest du machen? Ich weiß nicht. Willst du’s mit seiner Mutter versuchen? Seine Mutter ist tot. Macht’s einen Unterschied?«

Dabei sind die vom Unbewussten bereitgestellten Bilder informationsreicher als etwaige sprachliche Formen.


In einer psychoanalytischen Therapie kann das Ziel daher auch nicht darin bestehen, sprachliche Klarheit herzustellen, sondern es besteht darin, im Gegenüber eine unbewusste Dynamik auszulösen, die es ihm ermöglicht, besser und wirkungsvoller über seine jeweilige Lebenssituation nachzudenken. Wenn das in der therapeutischen Situation klappt, erfährt man, genauso wie Kekulé es tat, ein Aha-Erlebnis oder eine emotionale Reaktion, die etwas Neues hervorbringt.


Quellen:


McCarthy, Cormac, Die Abendröte im Westen, Rowohlt, Reinbek 2016.


McCarthy, Cormac, The Kekulé Problem https://nautil.us/the-kekul-problem-236574/




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Da ist eine Frau, die im Zuge eines dramatischen Ereignisses fast gestorben wäre.


Sie sagt, das Ereignis hole sie immer wieder ein.


Etwas trifft uns blitzartig, erfasst uns in Lichtgeschwindigkeit.


In Sekundenbruchteilen hat sich alles verändert.


»Man muss darüber hinwegkommen!«


Ich erinnere mich an völlig ausgebrannte und verkohlte Stiefel auf einer Berghütte, die ich irgendwo in den Alpen gesehen habe. Es hieß, ein Wanderer hätte diese Stiefel angehabt, als ihn ein Blitz erfasste.


Was heißt es, über so eine Sache hinwegzukommen?

Was bedeutet es, eine Katastrophe zu bewältigen?

Wie kommt man über den eigenen Tod hinweg?

Über körperliche und seelische Versehrungen?


Vor vielen Jahren habe ich eine Doku über Opfer von Blitzeinschlägen gesehen. Was die Überlebenden miteinander gemeinsam hatten, war, dass sie alle durch diese Erfahrung auf ihre je eigene Weise gezeichnet, verändert waren.


Sie alle hatten völlig unterschiedliche soziokulturelle Hintergründe, Nationalitäten, Bildungsabschlüsse etc. Was sie einte, war die Kluft, die der Blitzeinschlag zwischen dem Davor und dem Danach aufgerissen hatte.


Die Betroffenen schienen sich für eine von zwei Möglichkeiten entschieden zu haben, mit ihren Erfahrungen umzugehen:


Entweder, sie beschrieben das Ereignis als ein Zufallsgeschehen in einem chaotischen Universum.


Oder, sie beschrieben es als einen Schicksalsschlag göttlichen Ausmaßes, als eine das Leben transzendierende Erfahrung.


Auf jeden Fall scheinen Ereignisse solcherart zu sagen: Du musst dich entscheiden!


Der Blitzschlag ist etwas, das nicht ignoriert werden kann. Schon in einer weniger unmittelbaren Entfernung zu einem Blitz empfinden wir diesen wie ein durch den Körper ziehendes Beben.


Nicht umsonst leitete Giambattista Vico, der im 18. Jahrhundert lebende Geschichtsphilosoph, die erste Metaphernbildung von Blitz und Donner ab: Die Gewitter, stellte sich Vico vor, hätten den frühen Menschen erstmals auf eine so tiefgreifende Art Erschaudern lassen, ihn derart elektrisiert, dass der menschliche Geist entzündet worden sei.


Die Menschheit erfuhr demzufolge wortwörtlich einen Geistesblitz, der zur Sprache und zum Denken führte. Vico nannte das »poetische Metaphysik.«


Dabei spielt es keine Rolle, ob Vicos Geschichte faktisch haltbar ist. Sie ist selbst poetische Metaphysik.


Viel wichtiger ist es, dass Vicos Theorie die Vorstellung zugrunde liegt, dass Bedeutungsgebung erst durch die Setzung eines Mysteriums ermöglicht wird, das über den eigenen Verstand hinausgeht. Paradoxerweise wird die Bedeutungsgebung also durch etwas ermöglicht, das letzten Endes unverständlich bleibt.


Auf der anderen Seite ist da die Möglichkeit, das Geschehene als reines Zufallsspiel zu begreifen; als etwas also, das sich auf immer einer tieferen Sinngebung entzieht. Der Begriff »Zufall« dient dann dazu, das Unbegreifliche konzeptuell zu erfassen.


Doch egal, ob man das Erlebte auf die eine oder andere Weise erzählt, ob man sagt, all das war Zufall, oder, all das war Schicksal, es bleibt doch bei einer Erzählung, die versucht, dem Erlebten einen Rahmen zu geben. Was gefordert wird, unumgänglich zu sein scheint, ist eine Positionierung zu dem Geschehenen.


Es geht nicht an, sich einzureden, dass es nie geschehen ist.


In der Doku sagte ein etwa 16-jähriges Mädchen mit Brandmalen an den Armen, dessen Bruder von dem Blitzeinschlag getötet wurde, sinngemäß so etwas wie: Viele Menschen halten daran fest, dass eine solche Katastrophe nicht hätte geschehen dürfen, aber es ergibt keinen Sinn, das zu sagen. Denn es ist passiert. Es widerfährt einem, was einem widerfährt.


Es kann nicht ungeschehen gemacht werden und es ist gleichermaßen verständlich wie fatal, das zu versuchen.


Das Mädchen fasste ihre Erfahrung in religiös gefärbte Begriffe: der Einschlag hätte ihren Körper ausgelöscht, eine zeitlang sei sie nur noch Seele gewesen. Wenn man es lieber psychologisierend ausdrücken möchte, könnte man auch sagen, dass ihr Schockzustand sie dissoziieren ließ.


Die elektrische Entladung zieht in Sekundenbruchteilen durch den Körper, brennt sich in ihn ein, verlässt ihn und verlässt ihn nicht.


In der Dokumentation wies ein anderes Blitzopfer, – ein Mann im mittleren Alter – auf den möglichen, in der Wissenschaft diskutierten Zusammenhang zwischen Blitzen und der Entstehung des Lebens hin. Dabei handelt es sich um eines von mehreren Modellen zur Abiogenese. Wie auch immer die Entstehung des Lebens vonstatten gegangen sein mag, in jedem Fall war diese mit der Freisetzung von Energie verknüpft: mit einem unter Strom setzenden Überschuss oder einem »zu viel«.


Es ist schwer zu begreifen, dass etwas derart Verheerendes zu etwas anderem als Zerstörung führen kann. Und dennoch: hier sind wir.


Quellen:


Vico, GIambattista, Die neue Wissenschaft, Über die gemeinschaftliche Natur der Völker, Walter de Gruyter Berlin 2000 [1725]

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