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Es ist leicht, dem Mond ein Gesicht zu geben. Ich stelle mir vor, dass die ersten Gesichter, die wir im Leben wahrgenommen haben, für uns zu Beginn ein wenig so aussahen wie der Vollmond: helle Flecken vor einem dunklen Hintergrund, die sich erst langsam ausdifferenzieren. Der Mond scheint sich jedenfalls gut dafür zu eignen, mit ihm in eine Art von Zwiesprache zu treten; und tatsächlich befindet er sich ja auch in einer Zwiesprache mit der Erde, über den Lauf der Gezeiten verbunden – das ist das Medium, in dem dieses Gespräch stattfindet. Für unsereins mag das schwieriger sein. Von der Erde aus betrachtet wirkt der Mond so klein, dass man ihn tatsächlich in der Fassung einer Laterne einfangen könnte. Es ist alles eine Frage der Perspektive und der Optik: Was schon Galilei wusste, der sich, ausgestattet mit seinen geschliffenen, venezianischen Linsen, daran machte, ein Fernrohr zu bauen, von dessen Erfindung in Belgien er ein Gerücht gehört hatte.


In seinem dem Großherzog der Toscana, Cosimo von Medici, gewidmeten Werk Sidereus Nuncius beschreibt er den durch sein Fernrohr betrachteten Mond auf die folgende Weise:


»Man erkennt […] aufgrund sinnlicher Gewißheit, dass der Mond keineswegs eine sanfte und glatte, sondern eine raue und unebene Oberfläche besitzt und dass er, ebenso wie das Antlitz der Erde selbst, mit ungeheuren Schwellungen, tiefen Mulden und Krümmungen überall bedeckt ist.« 

Auf der Zeichnung Galileis sieht man sogar einen Krater, der sich in etwa dort befindet, wo der Krater Tycho ist. Stanley Kubrick lässt diesen im Film 2001 – Odyssee im Weltraum zum Fundort des schwarzen Monolithen werden, dem manifestierten Mysterium, das immer über sich selbst hinaus auf ein neues Unbekanntes verweist: Im Film stößt der Monolith bei seiner Bergung ein Hochfrequenzsignal Richtung Jupiter aus. Die Menschheit begibt sich auf kosmische Schnitzeljagd.


Die moderne Beziehung zum Mond ist geprägt von diesem Wechselspiel zwischen Wissenschaft und Imagination. Dies gilt nicht nur für Galileo Galilei, sondern auch für Johannes Kepler, der mit dem Werk Somnium Sive Astronomia Lunaris – dem Traum vom Mond –, nach heutigen Maßstäben Science Fiction in Reinform geschrieben hat. Wohlgemerkt entstand diese Schrift im ersten Viertel des 17. Jahrhunderts, unter dem Eindruck der Trauer um seine verstorbene Mutter als auch unter jenem der Inquisition, zu einer Zeit, als enge Freunde Keplers aufgrund ihrer Überzeugungen hingerichtet wurden; einer dieser Freunde war der Rektor der Prager Universität, dem die Zunge herausgeschnitten wurde, bevor ihn ein Henker mit dem Schwert enthauptete.


Es war eine gute Zeit, um ein bisschen verrückt zu werden. Kepler lässt sein Alter Ego mit den Worten beginnen:


»Mein Name ist Duracotus, mein Heimatland Island, das die Alten Thule nannten. Meine Mutter war Fiolxhilde, die, da sie jüngst gestorben ist, mir die Erlaubnis zum Schreiben erteilte, auf die ich längst gewartet hatte. Solange sie lebte, gab sie sich alle Mühe, mich vom Schreiben abzuhalten. Sie pflegte nämlich zu sagen, es gebe viele gefährliche Feinde der Künste, die das, was sie wegen der Stumpfheit ihres Geistes nicht fassen können, anprangern und dem Menschengeschlecht ungerechte Gesetze auferlegen würden.«

Die Mondlandschaft ist eine schöne, aber auch endzeitliche Welt. Mit ihrer kartographischen und wissenschaftlichen Erfassung scheint sie inzwischen nur noch als potentiell ausbeutbare Rohstoffquelle interessant zu sein. Ich erinnere mich an den Anblick von Bildern des Goldabbaus in Peru, an Mondlandschaften auf der Erde.


Die dunkle Seite des Mondes war zumindest für eine Weile weniger karg; hier wucherte die Phantasie. Auf dieser Seite wurde keine Flagge gehisst. Durch die gebundene Rotation ist eine Seite des Mondes immer der Erde zugewandt. Das bedeutet, dass die andere Hälfte unserem Blick verborgen bleibt, weshalb diese als die dunkle Seite bekannt ist: das Tageslicht erreicht diese Seite ebenso regelmäßig wie die andere, aber wir sehen sie nie von der Erde aus.


Erst sowjetische Raumsonden lieferten die ersten Aufnahmen der Rückseite, später folgten detaillierte Kartierungen durch Satellitenmissionen. Die Unterschiede sind markant: Die Rückseite zeigt weit weniger mare, Mondmeere, von denen man heute weiß, dass es sich um dunkle Basaltflächen vulkanischen Ursprungs handelt – die Apollo 11-Mission landete so etwa im Mare tranquillitatis, dem Meer der Ruhe, da die Oberflächenbeschaffenheit dieser Gebiete weniger rau ist. Stattdessen dominieren auf der Rückseite Einschlagskrater unterschiedlicher Größe und Alter. Noch immer ungeklärt ist, weshalb genau die geologischen Unterschiede so ausgeprägt sind.


Wenn wir zum Mond hinaufschauen, ist es manchmal, um eine Beziehung zu etwas Echtem herzustellen. Mit einer App erfasse ich irgendeinen Stern, der 250 Lichtjahre von uns entfernt ist: Das sind 2,37 Quadrilliarden Kilometer, eine mir völlig unbegreifliche Distanz. Als ich gerade dabei war, auf diesen Stern zu zielen, jaulte meine Hündin wegen irgendeinem seltsamen Geschrei auf, das vielleicht von einer Katze, vielleicht von einem anderen Tier kam, ein wirklich sonderbares Geräusch. Ich beruhigte sie und sagte ihr, dass die Welt ein komischer Ort sei.


Das Leben bereitet allen Tieren eine Menge Angst, es ist dieses Unbekannte, mit dem wir alle konfrontiert sind, und ich dachte dann daran, dass mein Hund einmal sterben wird und dass auch das diese Reise ins Unbekannte ist; wir bewegen uns auf das Unbekannte zu. Unweigerlich. Diesbezüglich haben wir keine Wahl. Alles, was die Psychoanalyse zu sagen hat, sind Erörterungen darüber, wie wir uns dem Unbekannten nähern oder wie wir es von uns fernhalten, welchen Umgang wir damit pflegen.


Quellen:


Galilei, Galileo, Sidereus Nuncius, Nachricht von neuen Sternen, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2. Auflage 2002.


Kepler, Johannes, Der Traum, oder: Mond-Astronomie / SOMNIUM SIVE ASTRONOMIA LUNARIS, Matthes & Seitz, Berlin 2021.


Ferndiagnosen sind ein populäres und nahezu allgegenwärtiges Phänomen. Die häufigste Ferndiagnose unserer Zeit kommt meistens mit einem Rufzeichen versehen und lautet: »Narzisst!«. 


Ob gerechtfertigt oder nicht: Meistens wird diese Zuschreibung an der Schwelle zwischen Diagnose und Unterstellung mit einem moralisierenden Gestus vorgetragen. Es geht also um Abwertung.


Es ist sehr verlockend, auf solche Urteile zurückzugreifen: Wer möchte sich nicht auf der richtigen Seite wissen? Die Attraktivität von Ferndiagnosen hat wahrscheinlich damit zu tun, dass wir dazu neigen, Eigenschaften, die wir nicht bei uns selbst wahrnehmen wollen, bei anderen sehr wohl und sogar in verstärkter Form wahrzunehmen.


Einer der stärksten narzisstischen Abwehrmechanismen ist die Spaltung. Die Spaltung bezeichnet z. B. das starre Aufteilen der Welt in Gut/Böse, in Richtig/Falsch. Dabei ist die Rollenaufteilung klar: man selbst ist auf der Seite des Guten, Richtigen, der Andere ist auf der Seite des Schlechten, Falschen.


Sobald man auf diese Weise zu denken und zu moralisieren beginnt, ist es unmöglich zu hören, was das Gegenüber eigentlich sagen will.


Die Psychoanalyse hat im Laufe ihrer Geschichte extrem reichhaltige und wertvolle Einsichten über den Narzissmus entwickelt. Mit der Hilfe dieses Diskurses können wir allerdings womöglich besser über den eigenen Narzissmus nachdenken, als mit Diagnosen um uns schleudernd den Narzissmus der Anderen zu ächten:


Es gibt gute Gründe dafür. Man denke z. B . an den Psychoanalytiker Heinz Kohut. Kohut war einer der profiliertesten Narzissmus-Theoretiker. Kohuts Fallstudie über den Narzissten Herrn Z. basierte seinem Biographen Charles Strozier zufolge nicht auf einem von Kuhuts Patienten, sondern auf seinen persönlichen Tagebucheinträgen. Wie auch immer man zu dieser Vorgehensweise stehen mag, offenbar versuchte Kohut zumindest, seine eigenen narzisstischen Anwandlungen aufzuarbeiten.


Der Narzissmus ist ein Problem, das sich allen Menschen stellt.


Freud verwendete den Begriff des primären Narzissmus, um eine für die Ich-Entwicklung notwendige libidinöse Besetzung des Ichs zu beschreiben. Leicht verkürzt könnte man sagen, dass diese Besetzung der Keim dafür ist, dass Selbstliebe sich später zu einer reifen Liebe anderer Menschen zu entwickeln vermag. Andere Menschen – die primären Bezugspersonen – werden in der frühen Kindheit noch nicht als eigenständig erkannt, sondern als Erweiterungen des Selbst, der eigenen Bedürfnisse, Wünsche und Ansprüche. Weil der Narzissmus so eng mit der Ich-Entwicklung verbunden ist, gibt es auch keine vollständige und dauerhafte Überwindung dieser Phantasie. Was es geben kann, ist eine kontinuierliche Entwicklung und Arbeit, die hin zum Anderen führt.


Die Schriftstellerin Kristin Dombek hat vor einigen Jahren einen Buchessay mit dem Titel »Die Selbstsucht der Anderen« verfasst, in welchem sie auf sehr kluge und eindrückliche Weise die Zwiespältigkeit der Schuldzuweisung »Narzisst!« aufarbeitet:


Dombek zufolge handelt es sich dabei in vielen Fällen um einen Ausdruck der Frustration darüber, dass die jeweils andere Person unsere Bedürfnisse und Erwartungen nicht erfüllt, von uns abweichende Ansichten hat oder unser Selbstbild nicht validiert. Sogar Empathie, Mitleid und Mitgefühl können so dazu verwendet werden, zu verwässern, dass das Gegenüber wirklich anders denkt und empfindet als man selbst.


Ein Beispiel: Herr Müller erzählt Ihnen davon, unflätig einen seiner Kollegen beleidigt zu haben. Als sein Freund versuchen Sie, seine Lage zu verstehen: eine empathische Reaktion könnte nun darin bestehen, sich in Herrn Müller hineinzuversetzen, an eigene Erfahrungen mit Stress und Überreiztheit und eventuell damit verknüpften Überreaktionen zurückzudenken.

Dabei wäre es aber auch denkbar, dass Herr Müller gar nicht aus einer Überreaktion heraus beleidigend war, sondern, weil er es so meinte, und sei es, weil er seinen Kollegen verabscheut.

Der vorschnelle Versuch, empathisch zu sein, negiert dann nicht nur die Gefühle und Sichtweisen Herrn Müllers, sondern dieser Versuch hält auch eigene sozial und moralisch unangebrachte Gefühle von uns fern, die den Gefühlen des Gegenübers vielleicht stärker ähneln würden, als einem lieb ist.


Es ist eine einfache Lösung, zu bevorzugen, sich empathisch und verständnisvoll zu fühlen: Andernfalls müsste man sowohl seinen eigenen Charakter als auch den des Freundes infrage stellen.


Menschen haben grundsätzlich die Tendenz, einander zu enttäuschen: andernfalls müssten wir nicht miteinander reden, weder Konsens finden noch Dissens feststellen. Narzissmus hat gerade auch mit dieser grundsätzlichen Frustration und dem Wunsch, dieser zu entgehen, zu tun.

Wenn der andere nicht reagiert wie erhofft, neigen wir dazu, die jeweilige Reaktion als moralischen Makel zu bewerten, statt sie als Hinweis auf Differenz zur Kenntnis zu nehmen.


Die Wunschvorstellung nach einem vollkommen nicht-narzisstischen Menschen – nach jemandem, der absolut einfühlsam und grenzenlos gütig ist und uns niemals enttäuscht – ist ihrerseits eine narzisstische Phantasie: Das Gegenüber wird als Objekt gedacht, das unserer emotionalen Regulation dient. 


Der Vorwurf des Narzissmus wird dann schnell zu einem Mittel, die Selbstbegrenzung des Ichs abzuwehren, indem man anderen ihre großen Egos vorwirft. 


Wie Hans-Georg Gadamer vor vielen Jahren sagte, hängt viel an der Kunst, sich etwas sagen zu lassen.



Quellen:


Dombek, Kristin, Die Selbstsucht der anderen, Ein Essay über Narzissmus, Suhrkamp Berlin 2015.

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Aktualisiert: 19. Dez. 2025

Eine psychische Krise ist eine Zustandsveränderung: Die Welt ist eine andere geworden.


So schlägt uns die Welt in einer Depression als graue, zweidimensionale Flachheit entgegen: Der Geschmackssinn versagt. Die Ohren vernehmen nur noch Lärm. Aus dem Körper weicht jegliche Kraft. Wir sind überzeugt davon, allein zu sein, selbst wenn andere das Gegenteil beteuern.


Man hat nicht nur einfach eine Depression. Wenn man sie durchläuft, ist sie nicht einfach nur ein Randfaktor der Existenz, sie ist die Existenz selbst.


Es handelt sich bei so einem Zustand um kein Symptom, sondern um ein umfassendes Lebensgefühl, eine Weise des In-der-Welt-Seins.


Es gibt ein Wissen, das vermutlich nur durch solche und ähnliche länger anhaltende psychische Krisenzustände erworben werden kann: Inmitten der Krise fühlt es sich so an, als würde das Lebensgefühl, in dem man sich befindet, »natürlich« sein und niemals enden – als wäre man genau das, was man zu sein glaubt.


Wenn die Krise jedoch abgeklungen ist, erkennt man aus erster Hand, dass Bewusstseinsveränderungen so radikal und stark sein können, dass man vergisst, wie es sich vorher angefühlt hatte.


Man hatte einfach keinen Zugang mehr dazu, dass das Leben sich auch anders anfühlen kann, dass es sehr unterschiedliche Arten des In-der-Welt-Seins geben kann.


Matthew Ratcliffe, ein Philosoph, der eine Phänomenologie der Depression verfasst hat und immer wieder von dieser heimgesucht wurde, schreibt:

Although this ‘world’ or ‘sense of reality and belonging’ is not completely lost in depression, I will argue [...] that it is profoundly altered—the person does not feel fully ‘part of the world’ and everything seems somehow different. [...] such experiences cannot be accounted for solely in terms of what the person perceives, feels, believes, or remembers. They involve a change in the structure of perceiving, feeling, believing, and remembering, attributable to a disturbance of ‘world’.

Es gibt Menschen, die, – außer in zeitlich stark begrenzten Zuständen wie im Rausch, im Schlaf, in der Sexualität oder im Traum – nie längere Zustandsveränderungen durchlebt haben. Sie wissen nicht oder nur theoretisch, wie sehr sich das Gefühl des In-der-Welt-Seins wandeln kann.


Dahingegen ist es etwas deutlich anderes, sich darüber bewusst zu werden, dass, auf welche Weise auch immer die Welt erfahren wird, sich verändern und irgendwann auch enden wird. Die Depression ist ein Bewusstseinszustand. Dasselbe gilt für Angst, Paranoia und Psychose, für alle nur denkbaren Erfahrungen, die einen das Leben durchlaufen lässt.


Menschen, die solche Zustände durchleben und aus diesen hervorgehen, wissen, dass es veränderte Zustände gibt. Das zu wissen kann in einer krisenhaften Zeit ein Anker sein, um solche Phasen auszuhalten. Im Hinblick auf das restliche Leben kann diese Erkenntnis ein Geschenk sein.


Ich würde sogar behaupten, dass sich daraus ein ethischer Imperativ ableiten ließe:


Handle stets so, dass dein Handeln in Rechnung stellt, dass die Wahrnehmung deiner Welt, deiner selbst und der anderen sich verändern wird, auch wenn du es gerade nicht für möglich hältst.

Quellen:


Ratcliffe, Matthew, Experiences of Depression: A study in phenomenology, Oxford University Press, Oxford 2015.

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