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Zustandsveränderungen

  • 15. Dez. 2025
  • 2 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 19. Dez. 2025

Eine psychische Krise ist eine Zustandsveränderung: Die Welt ist eine andere geworden.


So schlägt uns die Welt in einer Depression als graue, zweidimensionale Flachheit entgegen: Der Geschmackssinn versagt. Die Ohren vernehmen nur noch Lärm. Aus dem Körper weicht jegliche Kraft. Wir sind überzeugt davon, allein zu sein, selbst wenn andere das Gegenteil beteuern.


Man hat nicht nur einfach eine Depression. Wenn man sie durchläuft, ist sie nicht einfach nur ein Randfaktor der Existenz, sie ist die Existenz selbst.


Es handelt sich bei so einem Zustand um kein Symptom, sondern um ein umfassendes Lebensgefühl, eine Weise des In-der-Welt-Seins.


Es gibt ein Wissen, das vermutlich nur durch solche und ähnliche länger anhaltende psychische Krisenzustände erworben werden kann: Inmitten der Krise fühlt es sich so an, als würde das Lebensgefühl, in dem man sich befindet, »natürlich« sein und niemals enden – als wäre man genau das, was man zu sein glaubt.


Wenn die Krise jedoch abgeklungen ist, erkennt man aus erster Hand, dass Bewusstseinsveränderungen so radikal und stark sein können, dass man vergisst, wie es sich vorher angefühlt hatte.


Man hatte einfach keinen Zugang mehr dazu, dass das Leben sich auch anders anfühlen kann, dass es sehr unterschiedliche Arten des In-der-Welt-Seins geben kann.


Matthew Ratcliffe, ein Philosoph, der eine Phänomenologie der Depression verfasst hat und immer wieder von dieser heimgesucht wurde, schreibt:

Although this ‘world’ or ‘sense of reality and belonging’ is not completely lost in depression, I will argue [...] that it is profoundly altered—the person does not feel fully ‘part of the world’ and everything seems somehow different. [...] such experiences cannot be accounted for solely in terms of what the person perceives, feels, believes, or remembers. They involve a change in the structure of perceiving, feeling, believing, and remembering, attributable to a disturbance of ‘world’.

Es gibt Menschen, die, – außer in zeitlich stark begrenzten Zuständen wie im Rausch, im Schlaf, in der Sexualität oder im Traum – nie längere Zustandsveränderungen durchlebt haben. Sie wissen nicht oder nur theoretisch, wie sehr sich das Gefühl des In-der-Welt-Seins wandeln kann.


Dahingegen ist es etwas deutlich anderes, sich darüber bewusst zu werden, dass, auf welche Weise auch immer die Welt erfahren wird, sich verändern und irgendwann auch enden wird. Die Depression ist ein Bewusstseinszustand. Dasselbe gilt für Angst, Paranoia und Psychose, für alle nur denkbaren Erfahrungen, die einen das Leben durchlaufen lässt.


Menschen, die solche Zustände durchleben und aus diesen hervorgehen, wissen, dass es veränderte Zustände gibt. Das zu wissen kann in einer krisenhaften Zeit ein Anker sein, um solche Phasen auszuhalten. Im Hinblick auf das restliche Leben kann diese Erkenntnis ein Geschenk sein.


Ich würde sogar behaupten, dass sich daraus ein ethischer Imperativ ableiten ließe:


Handle stets so, dass dein Handeln in Rechnung stellt, dass die Wahrnehmung deiner Welt, deiner selbst und der anderen sich verändern wird, auch wenn du es gerade nicht für möglich hältst.

Quellen:


Ratcliffe, Matthew, Experiences of Depression: A study in phenomenology, Oxford University Press, Oxford 2015.

 
 
 

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