top of page

Eine Therapie beginnen

Eine Therapie zu beginnen ist eine Herausforderung: Fünfzig Minuten, um sie zu füllen, um ein Leben auf den Punkt zu bringen. Das reicht nicht aus oder es ist zu viel. Als wäre das noch nicht schwierig genug, stecken viele Menschen, die eine Therapie in Erwägung ziehen, in so etwas wie einem inneren Schneesturm fest: Alles ist chaotisch, man sieht keinen Meter weit, man weiß nicht, wo man ist, nur, dass man lieber woanders sein möchte. Die erste Stunde widerspiegelt oftmals diese Orientierungslosigkeit. Es drängt sich die Frage auf, womit man beginnen soll. Das ist verständlich, aber in Wahrheit ist es nicht so wichtig, womit man beginnt. Man folgt den Spuren, die nicht verweht worden sind und reiht Worte an Worte. Das ist der Anfang. Orientierung braucht Zeit. Die meisten Therapeuten werden deshalb zurückhaltend sein und sich wenig einbringen. Warum sprechen sie so wenig? Weil sie zuhören. Und zuhören, das heißt, Raum zu geben. Die Stille, die bedrohlich erscheinen kann, ist dafür eine Grundvoraussetzung.


Es ist eine Binsenweisheit, dass es in der Beginnphase einer Therapie manchmal schlechter wird, bevor es besser wird. Wer die Stille füllt, beginnt damit, sich selbst zu hören. Das ist nicht nur angenehm. Manches ist schmerzhaft, angstbesetzt oder peinlich. Mitunter sind wir auch überrascht über diese Stimme, die sich im therapeutischen Raum entfaltet, so ähnlich vielleicht, wie wir über den Klang unserer Stimme irritiert sind, wenn wir sie das erste Mal auf einer Tonaufzeichnung hören: sie ist uns fremd geworden, obgleich sie unleugbar unsere eigene ist. Manchmal ist es, als sei die ganze Welt daraufhin eingerichtet, zu verhindern, dieses eigene Fremde oder fremde Eigene zu hören. Der therapeutische Raum bietet in diesem Sinn einen Gegenpol zum Lärmen der Welt, in dem wir sonst so umstandslos aufgehen und in dem zwar jeder zum Plappern, aber kaum jemand zum Sprechen kommen kann.


Deshalb gehen psychoanalytisch bzw. psychodynamisch orientierte Therapeuten zu Beginn auch mit Fragen relativ sparsam um. Auch das kann seltsam anmuten: Im Alltag sind Fragen für viele Menschen ein Mittel, Interesse zu bekunden oder ein Gespräch am Laufen zu halten. Aber Fragen zielen zwangsläufig auf etwas ab. Sie geben etwas vor. Sie schränken Möglichkeiten eher ein, als sie zu eröffnen, sie verschütten die Momente des Schweigens, die der Nährboden für das Sprechen sind.

Wie soll man in dieser Situation all das einbringen, was relevant sein könnte? Man braucht sich keiner Illusion von Vollständigkeit hingeben: Es muss nicht gleich alles gesagt werden. Manche Dinge brauchen Zeit, um ausgesprochen werden zu können. Wir sind auf einer Spur, wenn das, was gesagt wird, wahrhaftig ist, wenn es sich nach etwas anfühlt und etwas auslöst, wenn es körperlich erfahrbar oder mit einer Erinnerung verknüpft ist.


Im Allgemeinen lohnt sich eine Therapie vor allem dann, wenn man sie als eine Praxis begreift, die willentlich ausgeübt und kultiviert werden muss. Es ist sinnvoll, seine Energien für diesen Prozess zu mobilisieren, um sich möglichst bewusst auf die Therapie einzulassen. Dabei geht es nicht nur darum, regelmäßig zu den Stunden zu kommen, sondern sich darin zu üben, geistig und emotional anwesend zu sein und zu versuchen, sich vom Geschehen berühren zu lassen,

Das ist auch deshalb eine Herausforderung, weil sich eine Therapie nicht immer gleich produktiv anfühlt. Manche Stunden vergehen fruchtlos, sie ziehen dahin, als wären sie nie geschehen. Man fragt sich dann, was man hier überhaupt macht, wie lange es noch dauert, ob es denn nie endet. Trotzdem stellen diese Stunden das Hintergrundrauschen dafür bereit, dass in anderen Stunden etwas passieren kann.


Viele psychoanalytisch orientierte Therapeuten werden spätestens nach einigen Sitzungen versuchen, auf die Gefühle und Stimmungen zurückzugreifen, die im Hier und Jetzt der Behandlungssituation auftauchen. Der Patient könnte beispielsweise vom Therapeuten genervt sein oder sich vor ihm ängstigen. Im Alltag ist es eher unüblich, solche für viele Menschen unangenehmen Gefühle direkt anzusprechen. Gerade zu Beginn der Therapie kann diese Direktheit irritierend sein, die Auseinandersetzung mit diesen Gefühlen stellt jedoch den eigentlich Treibstoff des Therapieprozesses dar. Manche der Verhaltensweisen und Gefühle, die sich in der Beziehung zum Therapeuten zeigen, zeigen sich in ähnlicher Weise im alltäglichen Umgang mit anderen Menschen. Deshalb ist es auch wichtig, einen Therapeuten zu finden, der sich nicht in eine Flucht- oder Angriffshaltung begibt, wenn er mit schwierigen Gefühlsäußerungen konfrontiert wird.


Schlussendlich ist es gerade zu Beginn wichtig, einen Sinn dafür zu behalten, dass Veränderung nicht von heute auf morgen geschieht: Wir neigen manchmal zur Vorstellung, wir müssten uns so schnell verändern können wie das Wetter. Aber wir ähneln eher dem Klima als dem Wetter. Es hat lange gedauert, zu werden, wer man ist, und es dauert, zu werden, wer man noch nicht ist.


 
 
 

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen
Listening to the moon

Es ist leicht, dem Mond ein Gesicht zu geben. Ich stelle mir vor, dass die ersten Gesichter, die wir im Leben wahrgenommen haben, für uns zu Beginn ein wenig so aussahen wie der Vollmond: helle Flecke

 
 
 
Der Narzissmus der anderen

Ferndiagnosen sind ein populäres und nahezu allgegenwärtiges Phänomen. Die häufigste Ferndiagnose unserer Zeit kommt meistens mit einem Rufzeichen versehen und lautet: »Narzisst!«.  Ob gerechtfertigt

 
 
 
Zustandsveränderungen

Eine psychische Krise ist eine Zustandsveränderung: Die Welt ist eine andere geworden. So schlägt uns die Welt in einer Depression als graue, zweidimensionale Flachheit entgegen: Der Geschmackssinn ve

 
 
 

Kommentare


bottom of page