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Was bringt es, sich mit dem Unbewussten zu beschäftigen?

  • 30. Mai 2020
  • 2 Min. Lesezeit

Psychoanalytische Behandlungsformen postulieren die Existenz des Unbewussten. Lange handelte es sich um ein umstrittenes Konzept. Inzwischen gilt es als erwiesen, dass unsere Denkprozesse großteils unbewusst ablaufen und es diese verborgenen Denkprozesse sind, die unsere bewussten Wahrnehmungen, Gedanken und Handlungen hervorbringen (vgl. Lakoff 1999, S. 18-21).


Das Unbewusste ist von neurobiologischen Phänomenen wie der Serotoninausschüttung zu unterscheiden, da diese Phänomene nicht – wie unbewusste Gedanken oder Verhaltensmuster – bewusstseinsfähig werden können (Northoff 2012, S. 269). Eher können wir uns das Unbewusste als eine Ansammlung von interpersonellen Beziehungserfahrungen, Gefühlen und Selbstzuständen vorstellen, die zwar auf unser Leben einwirken, jedoch im Alltag nicht zu Bewusstsein kommen dürfen, da die bewusste Auseinandersetzung mit diesen Erfahrungen, Gedanken und Beziehungserlebnissen uns schnell aus dem Gleichgewicht bringen könnte (Ginot 2015, S. 42). So ein Gleichgewichtsverlust wirkt bedrohlich, nicht selten ist er aber auch die Voraussetzung dafür, dass sich ein neues Gleichgewicht einzupendeln vermag.


Unsere biologische Grundausstattung ist allerdings so angelegt, dass es schwierig ist, ein einmal etabliertes Gleichgewicht zu verändern; und zwar auch dann, wenn wir dieses als störend oder psychisch belastend erleben. Doch das Unbewusste stellt nicht nur altbekannte Muster zur Verfügung, es ist auch der Sitz unserer Kreativität, der Ort, von dem aus Neues entstehen kann.


Damit lässt es sich therapeutisch arbeiten: Es ist das Unbewusste, das psychisches Leid so langwierig und schwer behandelbar macht, es ist aber auch das Unbewusste, das es uns ermöglicht, dieses Leid schöpferisch zu beeinflussen und gegebenenfalls zu bewältigen.


Quellen

Ginot, Efrat, The Neuropsychology of the Unconscious, W. W. Norton & Company, New York, London 2015.

Lakoff, George, Johnson, Mark, Philosophy in the Flesh, The Embodied Mind and its Challenge to Western Thought, Basic Books, New York 1999.

Northoff, Georg, What is the unconscious? A novel taxonomy of psychoanalytic, psychological, neuroscientific, and philosophical concepts, in: Fotopoulou, Aikaterini, Pfaff, Donald, Conway, Martin A. (Hg.) From the Couch to the Lab. Trends in Psychodynamic Neuroscience, Oxford University Press, Oxford, New York 2012.

 
 
 

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