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  • 3 Min. Lesezeit

Da ist eine Frau, die im Zuge eines dramatischen Ereignisses fast gestorben wäre.


Sie sagt, das Ereignis hole sie immer wieder ein.


Etwas trifft uns blitzartig, erfasst uns in Lichtgeschwindigkeit.


In Sekundenbruchteilen hat sich alles verändert.


»Man muss darüber hinwegkommen!«


Ich erinnere mich an völlig ausgebrannte und verkohlte Stiefel auf einer Berghütte, die ich irgendwo in den Alpen gesehen habe. Es hieß, ein Wanderer hätte diese Stiefel angehabt, als ihn ein Blitz erfasste.


Was heißt es, über so eine Sache hinwegzukommen?

Was bedeutet es, eine Katastrophe zu bewältigen?

Wie kommt man über den eigenen Tod hinweg?

Über körperliche und seelische Versehrungen?


Vor vielen Jahren habe ich eine Doku über Opfer von Blitzeinschlägen gesehen. Was die Überlebenden miteinander gemeinsam hatten, war, dass sie alle durch diese Erfahrung auf ihre je eigene Weise gezeichnet, verändert waren.


Sie alle hatten völlig unterschiedliche soziokulturelle Hintergründe, Nationalitäten, Bildungsabschlüsse etc. Was sie einte, war die Kluft, die der Blitzeinschlag zwischen dem Davor und dem Danach aufgerissen hatte.


Die Betroffenen schienen sich für eine von zwei Möglichkeiten entschieden zu haben, mit ihren Erfahrungen umzugehen:


Entweder, sie beschrieben das Ereignis als ein Zufallsgeschehen in einem chaotischen Universum.


Oder, sie beschrieben es als einen Schicksalsschlag göttlichen Ausmaßes, als eine das Leben transzendierende Erfahrung.


Auf jeden Fall scheinen Ereignisse solcherart zu sagen: Du musst dich entscheiden!


Der Blitzschlag ist etwas, das nicht ignoriert werden kann. Schon in einer weniger unmittelbaren Entfernung zu einem Blitz empfinden wir diesen wie ein durch den Körper ziehendes Beben.


Nicht umsonst leitete Giambattista Vico, der im 18. Jahrhundert lebende Geschichtsphilosoph, die erste Metaphernbildung von Blitz und Donner ab: Die Gewitter, stellte sich Vico vor, hätten den frühen Menschen erstmals auf eine so tiefgreifende Art Erschaudern lassen, ihn derart elektrisiert, dass der menschliche Geist entzündet worden sei.


Die Menschheit erfuhr demzufolge wortwörtlich einen Geistesblitz, der zur Sprache und zum Denken führte. Vico nannte das »poetische Metaphysik.«


Dabei spielt es keine Rolle, ob Vicos Geschichte faktisch haltbar ist. Sie ist selbst poetische Metaphysik.


Viel wichtiger ist es, dass Vicos Theorie die Vorstellung zugrunde liegt, dass Bedeutungsgebung erst durch die Setzung eines Mysteriums ermöglicht wird, das über den eigenen Verstand hinausgeht. Paradoxerweise wird die Bedeutungsgebung also durch etwas ermöglicht, das letzten Endes unverständlich bleibt.


Auf der anderen Seite ist da die Möglichkeit, das Geschehene als reines Zufallsspiel zu begreifen; als etwas also, das sich auf immer einer tieferen Sinngebung entzieht. Der Begriff »Zufall« dient dann dazu, das Unbegreifliche konzeptuell zu erfassen.


Doch egal, ob man das Erlebte auf die eine oder andere Weise erzählt, ob man sagt, all das war Zufall, oder, all das war Schicksal, es bleibt doch bei einer Erzählung, die versucht, dem Erlebten einen Rahmen zu geben. Was gefordert wird, unumgänglich zu sein scheint, ist eine Positionierung zu dem Geschehenen.


Es geht nicht an, sich einzureden, dass es nie geschehen ist.


In der Doku sagte ein etwa 16-jähriges Mädchen mit Brandmalen an den Armen, dessen Bruder von dem Blitzeinschlag getötet wurde, sinngemäß so etwas wie: Viele Menschen halten daran fest, dass eine solche Katastrophe nicht hätte geschehen dürfen, aber es ergibt keinen Sinn, das zu sagen. Denn es ist passiert. Es widerfährt einem, was einem widerfährt.


Es kann nicht ungeschehen gemacht werden und es ist gleichermaßen verständlich wie fatal, das zu versuchen.


Das Mädchen fasste ihre Erfahrung in religiös gefärbte Begriffe: der Einschlag hätte ihren Körper ausgelöscht, eine zeitlang sei sie nur noch Seele gewesen. Wenn man es lieber psychologisierend ausdrücken möchte, könnte man auch sagen, dass ihr Schockzustand sie dissoziieren ließ.


Die elektrische Entladung zieht in Sekundenbruchteilen durch den Körper, brennt sich in ihn ein, verlässt ihn und verlässt ihn nicht.


In der Dokumentation wies ein anderes Blitzopfer, – ein Mann im mittleren Alter – auf den möglichen, in der Wissenschaft diskutierten Zusammenhang zwischen Blitzen und der Entstehung des Lebens hin. Dabei handelt es sich um eines von mehreren Modellen zur Abiogenese. Wie auch immer die Entstehung des Lebens vonstatten gegangen sein mag, in jedem Fall war diese mit der Freisetzung von Energie verknüpft: mit einem unter Strom setzenden Überschuss oder einem »zu viel«.


Es ist schwer zu begreifen, dass etwas derart Verheerendes zu etwas anderem als Zerstörung führen kann. Und dennoch: hier sind wir.


Quellen:


Vico, GIambattista, Die neue Wissenschaft, Über die gemeinschaftliche Natur der Völker, Walter de Gruyter Berlin 2000 [1725]

Aktualisiert: 26. Nov. 2025

Aus meiner Perspektive gibt es eine enge Verbindung zwischen Meditation und einigen Prinzipien der Psychoanalyse.


Meditation ist, egal ob ihnen angeleitete Praktiken lieber sind oder ob Sie sich einfach nur einen Wecker stellen und »sitzen«, eine gute Möglichkeit, um ein wenig mit sich selbst in Kontakt zu kommen. Dazu ist nicht einmal eine formale Meditationspraxis nötig: Es ist ausreichend, dazusitzen oder zu -liegen und in die Luft zu schauen. Sie machen es richtig, wenn Sie dabei versuchen, präsent zu sein und möglichst wertfrei zu beobachten, was in und außerhalb von Ihnen vor sich geht, welche Gefühle, Gedanken, Empfindungen aufkommen, welche Sinneseindrücke sich in den Vordergrund drängen oder verschwinden.


Wenn Sie das regelmäßig tun, Zeit dafür freiräumen, es aushalten, dass nichts passiert, wird etwas passieren.


So einfach ist das? Ja, so einfach ist das.


Aber Sie können natürlich auch einen MBSR-Kurs absolvieren, auf den Spuren von David Lynch wandern oder einen Guru suchen (oder sich von ihm finden lassen), wenn Ihnen das lieber ist.


Letzten Endes wird jede Meditationspraxis auf den Versuch hinauslaufen, wach und gegenwärtig zu sein.


Das so verstandene Meditieren kann sehr klare Synergieeffekte in Kombination mit einer Psychotherapie hervorbringen, zumal die Fähigkeit dazu, seine Gedanken und Gefühle wahrzunehmen und zu beobachten wesentlich mit den Aussichten darauf verknüpft ist, dass eine Psychotherapie fruchten kann.


Zugleich stellt eine Psychotherapie immer auch den Versuch dar, genau diese Fähigkeiten zu entwickeln, sie anzuregen und zu fördern.


So ermutigt der meditative Zustand dem Psychoanalytiker und Meditationslehrer Mark Epstein zufolge, die ganze Palette ihrer Gefühle, Neurosen, Konflikte und Unzulänglichkeiten zu akzeptieren, ohne sich völlig darin zu verfangen.


Mithilfe der Meditation können wir gezielt erlernen, Gefühle, Körperempfindungen, Sinneseindrücke und Gedanken besser wahr- und anzunehmen. Letztlich geht es dabei darum, Bewusstseinsinhalte wahrzunehmen, ohne von diesen überwältigt zu werden.


Dabei kann man sich das Bewusstsein wie ein halb mit Wasser gefülltes Glas vorstellen. Im Alltag ist es ein wenig so, als würde man ständig den Inhalt einer Farbtube im Wasserglas verrühren, sodass das Wasser diese Farbe annimmt und trüb wird: Das Gemisch unserer Empfindungen, Gedanken, Sinneseindrücke. Wenn die gleiche Farbtube in ein etwas volleres Wasserglas geleert werden würde, wäre der Inhalt immer noch da, aber in verdünnter Form. Zu meditieren bedeutet, etwas mehr Wasser in das Glas zu füllen.


Aus meiner Perspektive hat Meditation deshalb nichts mit irgendwelchen Erleuchtungsphantasien zu tun. Es geht schlicht um eine Arbeit daran, die eigene Lebensrealität so anzunehmen, wie sie ist.

Dies gelingt in erster Linie, indem wir versuchen, unsere Aufmerksamkeit zu kultivieren.

Kann es sein, dass eine so einfache Sache, für die Sie keinen Cent ausgeben müssen, wenn Sie es nicht wollen, irgendetwas bewirkt?


Die Wissenschaft hat darauf eine klare Antwort: Ja, es bringt etwas und die positiven Effekte lassen sich messen, etwa anhand einer verringerten Ausschüttung des Stresshormons Cortisol. Die eigentliche Evidenz für Meditation wird aber sicher von jenen Menschen hervorgebracht wird, die diese Praxis leben.


Ich denke, die meisten Menschen meditieren nicht, weil es etwas bringt. Irgendwie ahnen wir, dass es etwas bringen könnte, sich hinzusetzen und zu beobachten, was in uns vor sich geht (ähnliches gilt übrigens für die Ablehnung analytischer bzw. psychodynamischer Therapieformen).


Wie Mark Epstein sagt, gilt zugleich aber:

»[…] inner peace is possible only when one has made peace with one’s own mind, when one’s own inner violence has been dealt with. This requires honesty and an internal ethic that is endlessly challenging. Inner peace comes not from turning off the mind, but from deliberately confronting one’s own innermost prejudices, expectations, habits, and inclinations.«

Oder, mit Antonin Artaud gesprochen:

»Eine Meditation über das Werden ist [...] ihrem Wesen nach eine Meditation über die Unruhe«.

In den tibetischen Tempeln des Himalaya-Gebirges stößt man immer wieder auf schreckenerregende Figuren, sogenannte »wrathful deities«, zornige Gottheiten, tanzende Skelette und wollüstige tantrische Gottheiten, entweder als Malereien an den Tempelwänden oder als Statuen, die bis auf wenige Tage im Jahr mit Tüchern verdeckt bleiben. Sie stehen für Zorn, Angst, Lust, Begehren ... für Gefühle also, denen wir oftmals ausweichen, die sich potentiell bedrohlich oder verstörend anfühlen können.


Es ist kein Zufall, dass die tibetischen Mönche ausgerechnet unter den Augen dieser Ungeheuer zu innerem Frieden finden.

Aktualisiert: 20. Nov. 2025

»Wie kann psychoanalytisch orientierte Psychotherapie helfen? Wie arbeiten wir gemeinsam? Was ist Ihre Rolle dabei?« Das sind Fragen, die psychoanalytisch arbeitende Therapeuten in Erstgesprächen öfters gestellt bekommen.


Es gibt auf diese Fragen verschiedene Antworten: Die allgemeine, die kurze und die ausführliche Antwort.


Die allgemeine Antwort lautet: Generell hilft Psychotherapie über gemeinsam geteilte Wirkfaktoren, wie sie in der Psychotherapieforschung festgestellt wurden. Dazu gehört vor allem eine längerfristige, tragfähige und Vertrauensbeziehung, wie sie durch das therapeutische Setting ermöglicht wird, aber auch die jeweilige – schulenspezifische – psychotherapeutische Technik.


Die kurze Antwort lautet: Indem wir Ihre Wahrheit suchen und hörbar machen.


Wobei ich Ihnen hörbar zu machen versuche, was Sie sagen. Dazu braucht es auch einiges an Courage. Schon Freud – der diese Idee von Platon übernahm – war der Überzeugung, dass es im Wesentlichen um diese Wahrheitssuche, die Liebe zur Wahrheit, geht.

Der Versuch, wahrhaftig zu sein, bedeutet den Versuch, sich selbst treu zu sein: Diese Treue zu sich ist es, die durch die psychische Integration mithilfe einer Therapie erreicht werden kann.


Natürlich lässt sich aber auch eine ausführlichere Antwort formulieren:


Von außen betrachtet ist psychoanalytisch orientierte Psychotherapie ein merkwürdiges Arrangement: Es gibt lange Pausen, keine Ratschläge, der Patient monologisiert, der Therapeut hört zu. Aber gerade dieser Rahmen ermöglicht es, die Prozesse in Gang zu setzen, die für eine produktive Therapie nützlich sind.


Meine Rolle ist es dabei, diese Prozesse aufzuspüren, zu halten und mit den Menschen, die mit mir arbeiten wollen, zu durchdringen.


Zwischen uns passiert in den Sitzungen eine ganze Menge. Dabei gibt es spezifische Wirkmechanismen, die besonders für psychoanalytische Therapien relevant sind:


  1. Wir versuchen, unbewusste Konflikte greifbar zu machen: Symptomatische Beschwerden wie Ängste, Depressionen oder psychosomatische Schmerzen sind oft Ausdruck innerer Konflikte. Diese Konflikte drücken sich im Sprechen aus, ohne dass wir es bemerken. Dabei versuche ich, dabei zu helfen, diesen Konflikten Gehör zu verschaffen.

  2. Wir machen Beziehungsmuster sichtbar: Im Raum mit mir wiederholt sich, was Menschen aus anderen Beziehungen kennen. Dieses Phänomen nennen wir Übertragung: Gefühle, Wünsche, Ängste oder generell Beziehungsmuster, die aus alten Erfahrungen entstanden sind, richten sich dabei auf mich. Meine Rolle ist es, diese Muster nicht einfach zu glätten, sondern sie bewusst werden zu lassen. Gemeinsam können wir besser sehen, wie jemand seine Welt von innen organisiert. Dabei ist es wirklich so, wie der Dichter Charles Simic schreibt: »Sobald man erkannt hat, nach welchen Regeln man lebt, geht man darüber hinaus.« Warum ist das so? Weil man, wenn man sich diese Regeln immer wieder von Neuem bewusst macht, nun die Chance hat, eine Entscheidung zu treffen, ob man ihnen weiterhin folgen möchte.

  3. Wir versuchen, schwierige Affekte fassbar und verarbeitbar zu machen: Viele Gefühle, die in der Vergangenheit zu groß oder zu schmerzhaft waren, tauchen im Leben als Symptomatik und irgendwann auch im therapeutischen Raum auf. Ich nehme diese Affekte auf, manchmal wortlos, manchmal mit Deutungen. Dadurch kann gelernt werden, diese Affekte einzuordnen, anstatt von ihnen überwältigt zu werden. In der Fachliteratur wird dies unter anderem als Verbesserung der Mentalisierungsfähigkeit bezeichnet.

  4. Wir entwicklen Strukturen: Gerade bei komplexeren Störungen geht es nicht nur um Konfliktlösung, sondern auch um Stabilisierung. Selbstwert, Impulssteuerung, Klarheit im Erleben können, wenn ein sicherer Rahmen zur Verfügung steht, gestärkt werden. Meine Aufgabe ist es, diesen Raum zu halten und Orientierung zu geben, bis der Patient diese Funktionen selbst übernehmen kann.


Damit diese Wirkmechanismen sich entfalten können, arbeite ich in erster Linie mit folgenden »Techniken«:


  1. Deuten: Ich helfe Ihnen dabei, verborgene Zusammenhänge zwischen aktuellen Problemen und früheren Erfahrungen sichtbar zu machen.

  2. Konfrontieren: Ich mache auf eine klare, aber taktvolle Art auf innere Widersprüche, blinde Flecken oder Vermeidungsverhalten aufmerksam.

  3. Klären: Ich unterstütze Sie dabei, Gedanken und Gefühle zu sortieren.

  4. Durcharbeiten: Wir erleben und reflektieren bestimmte Muster gemeinsam immer wieder – so können mit der Zeit neue, flexiblere Wege entstehen.


Dabei geht es nicht um spektakuläre Interventionen, sondern um die genaue, respektvolle Begleitung innerer Prozesse.


Ich biete weder Lösungen noch Ratschläge.


Es geht vielmehr darum, die innere Welt mit Hilfe des therapeutischen Raums auf eine neuartige und reflektierte Weise zu erfahren.


Von außen mag meine Tätigkeit eher passiv wirken. Tatsächlich geht es mir aber darum, möglichst achtsam zuzuhören und zu versuchen, die Gefühlswelt des Gegenübers zu erfassen: Dabei versuche ich, kleine Verschiebungen wahrzunehmen sowie unausgesprochene Affekte aufzugreifen, um diese im richtigen Moment zu deuten – nämlich dann, wenn diese Deutung eine Wirkung entfalten kann.


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