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Aktualisiert: 10. Dez. 2025

Bei dem folgenden Beitrag handelt es sich um eine Übersetzung und leichte Anpassung eines Textes, den ich ursprünglich für die Essentia Foundation geschrieben habe. Er behandelt Themen, die mich beschäftigen, nicht zuletzt aufgrund der Verknüpfung zu Fragen, die man vielleicht als ontologisch oder spirituell bezeichnen könnte. Dabei geht es unter anderem um den Zusamnmenhang von Bewusstsein und Sein, und um eine tiefe Faszination für die Unermesslichkeit von Bewusstseinspotentialen, die die durch unsere Existenz möglich wird:



Das Endliche ist in der Tat die Negation des Unendlichen – und nicht umgekehrt [1].

Auch wenn wir uns dessen nicht bewusst sind, stehen wir in Verbindung mit dem Unendlichen. Einheit und Unendlichkeit sind nichts, wonach wir erst greifen müssten, denn diese Konzepte spiegeln höchstwahrscheinlich das wider, was das Unbewusste im Kern ist.


Dies ist das Gebiet, das der Psychoanalytiker Ignacio Matte Blanco erkundete. Durch die Verbindung von Psychoanalyse und mathematischer Logik stellte er eine kühne und präzise Hypothese auf: dass das Unbewusste nach einer symmetrischen Logik funktioniert, die in der Mathematik unendlicher Mengen verankert ist [2].


Bewusstes Erleben besteht im Wesentlichen darin, ein unerschöpfliches Kontinuum in abgegrenzte Objekte und Relationen zu zergliedern. Jeder logische Schritt, jede rationale Ableitung bricht dieses grenzenlose Kontinuum in handhabbare Fragmente auf – Gedanken, Wahrnehmungen, mentale oder physische Objekte.


Bewusstes Erleben operiert mit abgegrenzten, endlichen Erfahrungseinheiten. Der Logiker George Spencer-Brown brachte dies elegant auf den Punkt: „Ziehe eine Unterscheidung!“ – und eine Welt entsteht [3]. Doch um Unterscheidungen zu treffen, braucht man Raum und Zeit. Logisches Denken ist räumliches Denken. Logik braucht Raum, um Relationen und Unterschiede zwischen diesen Relationen zu etablieren.


Doch jenseits des logischen Denkens existiert ein anderer Seinsmodus, in dem Grenzen sich auflösen. Der chilenische Psychoanalytiker Ignacio Matte Blanco nannte diesen Modus „symmetrisch“ – als Gegenpol zu unserem dominierenden „asymmetrischen“ Modus.

Im Alltag orientieren wir uns oft an kausalen Zusammenhängen. Wir denken in Ursache-und-Wirkungsketten: „Ich muss um 14:00 Uhr losgehen, um meinen Termin um 15:00 Uhr zu erreichen.“ Diese asymmetrische Denkweise ist essenziell, um die Realität zu strukturieren und gezielte Handlungen zu ermöglichen. Ebenso neigen wir dazu, hierarchische Klassen zu bilden, wie in dem Satz: „Der Baum ist Teil des Waldes“ [4].


Im symmetrischen Modus können solche Relationen jedoch leicht umgekehrt werden: Man geht um 15:00 Uhr los für einen Termin um 14:00 Uhr, der Wald ist Teil des Baumes. Der Stoff, aus dem Träume sind, wurzelt in dieser ursprünglicheren Weise des Denkens.


Der asymmetrische Modus ist gerichtet und funktioniert wie ein Skalpell. Er hilft uns dabei die Wirklichkeit zu analysieren: A ist Teil von B, aber B ist nicht Teil von A.


Der symmetrische Modus hingegen löscht diese Richtung auf: A ist Teil von B, und B ist gleichermaßen Teil von A. Die Beziehung ist wechselseitig, nicht untergeordnet. Zeitliche Reihenfolgen spielen keine Rolle mehr, räumliche Trennung scheint sich aufzulösen.


Wir leben in beiden Modi gleichzeitig, auch wenn das Bewusstsein den asymmetrischen Modus bevorzugt, da er das Reich von Vernunft, Rationalität und Logik ist.


Im Unbewussten jedoch findet man typischerweise Denkprozesse, die dem symmetrischen Modus entsprechen: Man denke an einen Mann mit Angst vor Autoritäten, der eine schlechte Beziehung zu seinem Vater hatte.


Dieser Mann setzt alle Autoritätsfiguren mit seinem cholerischen Vater gleich, obwohl er auf bewusster Ebene genau weiß, dass diese Autoritäten nicht sein Vater sind.


In seinem Beruf lebt er womöglich in ständiger Furcht vor seinem Vorgesetzten, obwohl Kollegen ihn als warmherzig und zugänglich beschreiben würden.


Wie ist das möglich? Die Antwort lautet: Für den Mann gehören unbewusst alle Autoritätspersonen zur gleichen Klasse.


Nach Matte Blancos Theorie ist dies deshalb der Fall, weil die symmetrische Logik alle Elemente einer gegebenen Klasse als identisch behandelt – und zugleich selbst die Kategorie sind, der sie angehören [5].


Das verleiht emotionaler Erfahrung Tiefe und Intensität: Wenn man sich verliebt, wird die geliebte Person zur Liebe selbst – und zu allen Menschen, die man je geliebt hat.


Zugleich fühlt man sich mit der geliebten Person und der Welt in ihrer Gesamtheit verbunden.


Wenn Sie trauern, fühlen Sie sich dagegen von allem Lebendigen abgeschnitten, als sei die ganze Welt tot, verloren, ohne Sinn.


Wie Walt Whitman in Leaves of Grass schreibt [6]:


Der Gesang gehört dem Sänger und kehrt am meisten zu ihm zurück,
Die Lehre dem Lehrer und kehrt am meisten zu ihm zurück,
Der Mord dem Mörder und kehrt am meisten zu ihm zurück,
Der Diebstahl dem Dieb und kehrt am meisten zu ihm zurück,
Die Liebe dem Liebenden und kehrt am meisten zu ihm zurück,
Das Geschenk dem Schenkenden und kehrt am meisten zu ihm zurück
– es kann nicht anders sein.

Es besteht keine strikte Gegensätzlichkeit zwischen dem symmetrischem und dem asymmetrischen Seinsmodus, auch wenn mal der eine, mal der andere Modus dominiert.


Symmetrisches Denken ist nicht einfach das Gegenteil von rationalem oder logischem Denken. Es kann sogar im Sinne logischer Operationen notwendig sein, sich dem symmetrischen Denken zuzuwenden. So ermöglicht dieser Modus z. B. Generalisierungen – etwa wenn man zwei unterschiedliche Äpfel gleichsetzt, um sie zählen oder kategorisieren zu können.


Ohne symmetrisches Denken gäbe es wohl keine Metaphern, keine Poesie, keine Wissenschaft – doch dieselbe Fähigkeit macht uns auch anfällig für Stereotype, denn ein Stereotyp entsteht durch die Gleichsetzung unterschiedlicher Entitäten.


Im Alltag begegnen wir dem Unbewussten durch Emotionen, Träume, Fantasie und Symptome. Je tiefer man ins Unbewusste vordringt, desto mehr erscheinen die Denkprozesse symmetrisch – und desto fremdartiger wirken ihre Resultate aus Sicht des asymmetrischen Denkens.


Diese Fremdheit erleben wir in Träumen oder Tagträumen. In den tiefsten Schichten des Unbewussten erreicht man eine Ebene, die Matte Blanco als unteilbare Einheit bezeichnet. Es handelt sich um einen Zustand reiner Symmetrie. Dies ist jener Bewusstseinszustand, der gemeinhin als mystische Einheit beschrieben wird [7]. Dabei handelt es sich um keinen Hokuspokus, sondern um tatsächlich existierende Erfahrungen, so sehr diese dem Alltagsbewusstsein auch entrückt sein mögen.


Matte Blancos Idee einer Einheit, die sowohl unteilbar als auch unendlich ist, mag zunächst paradox erscheinen – denn seit Aristoteles denken wir das Unendliche als notwendig unvollständig [8]. Etwas Abgeschlossenes muss definitionsgemäß endlich sein.


Für Matte Blanco jedoch ist das mathematische Unendliche bloß ein Modell des asymmetrischen Denkens, das versucht, den symmetrischen Modus und seine zugrundeliegende Einheit abzubilden.


Matte Blancos wissenschaftliche Leistung bestand darin, den symmetrischen Seinsmodus in den Begriffen des asymmetrischen Modus zu formulieren. Im Allgemeinen übersetzt sich der symmetrische, unbewusste Modus fortlaufend in den asymmetrischen Modus – auch wenn diese Übersetzungen zwangsläufig unvollständig und unzureichend bleiben.


Wie Matte Blanco feststellt, verhält sich das Unbewusste wie ein Geometer, der gezwungen ist, einen n-dimensionalen Raum in n-1 oder n-2 Dimensionen darzustellen: Es bildet diese Dimensionen durch die jeweils verfügbaren ab [9]. Das Unbewusste tut, was es kann, um sich auszudrücken – auch wenn viele Aspekte dabei verzerrt oder verloren gehen.


In seinen Veröffentlichungen deutete Matte Blanco vorsichtig mögliche Implikationen seiner Theorie für die Physik an, ohne jedoch zu tief in ontologische Konsequenzen einzusteigen. Mögliche Anschlussstellen finden sich in der Arbeit der italienischen Mathematikerin Giulia Battilotti und ihrer Kollegen, die Matte Blancos symmetrisches und asymmetrisches Denken in ein Quantenspin-Modell überführten – indem sie diese Zustände als unendliche Mengen modellierten [10].


Dazu führt Battilotti den Begriff des „unendlichen Singletons“ ein – in einem spezifischen Sinn, der von der klassischen Mengenlehre abweicht. In der klassischen Mengenlehre ist ein Singleton eine Menge mit genau einem explizit identifizierbaren Element. Inspiriert von Matte Blanco, versteht Battilotti unter einem „unendlichen Singleton“ eine Menge, die formal wie ein Singleton behandelt wird – also als eine Menge mit einem einzigen Element –, deren Inhalt aber nicht bestimmt oder unterschieden werden kann.


Battilotti erklärt, dass dies sogar bei Mengen mit nur einem Element geschehen kann: Wenn wir dieses einzelne Element nicht kennen und nicht beschreiben können, können wir es auch nicht zählen – und somit nicht entscheiden, ob die Menge endlich oder unendlich ist [11].


Ein „unendliches Singleton“ ist eine Menge, von der man weiß, dass sie nur ein Element enthält, dieses Element ist aber nicht benennbar oder charakterisierbar. In dieser Konstruktion verschmelzen Menge und Element miteinander. Verwendung findet sie, um Zustände oder Objekte zu beschreiben, die im Sinne Matte Blancos ununterscheidbar und symmetrisch sind.


Battilotti sieht eine strukturelle Ähnlichkeit zwischen der mathematischen Struktur des Quantenspins und Matte Blancos Modell des Unbewussten. Beide operieren mit unendlichen, symmetrischen Mengen, in denen die klassische Logik – basierend auf Negation und Kausalität – nicht mehr greift.


Vielleicht ist das bloßer Zufall – mir scheint diese Symmetrie von Modellen, die sowohl für das Unbewusste als auch für die physikalische Welt Geltung beanspruchen können, eine erstaunliche Sache zu sein.


Als Psychotherapeut neige ich dazu, Matte Blancos Theorie im Hinblick auf Beziehungen – zu sich selbst und zu anderen – zu verstehen.


Solange man nicht gerade einen psychotischen Zustand durchlebt, wird man von diesem unendlichen Bewusstseinsraum, den Matte Blancos Theorie adressiert, üblicherweise nicht vollends überwältigt, auch wenn ich überzeugt bin, dass sowohl die besten als auch die schlimmsten Erfahrungen, die man machen kann, mit einem flüchtigen Blick auf diese Unendlichkeit zu tun haben.


Es ist gut, dabei nicht allein zu sein.


Wie unwahrscheinlich ist es, in diesem unermesslichen Raum, den das Bewusstsein in seiner Gesamtheit, zusammen mit dem Unbewussten, darstellt, ein Gegenüber zu finden – und doch geschieht es ganz natürlich, mühelos, jeden Tag Ihres Lebens.


Ich habe diesen kurzen Text im Angesicht der bevorstehenden Geburt meiner Tochter verfasst.


Ich stelle mir vor, wie sie sich langsam aus dem Unendlichen herausmeißelt, zu einer endlichen, unterscheidbaren Existenz wird, indem sie das Unendliche negiert – es negiert durch ihre ersten Sinneseindrücke, ihre ersten Gedanken, ihren ersten Atemzug und Schrei, sich vom Unendlichen entfremdet – und doch immer mit ihm verwoben bleibt, mit ihm verbunden ist, durch das Unendliche lebt, sich atmend aus diesem hervorbringt.



Quellen:


[1] Giulia Battilotti, Miloš Borozan and Rosapia Lauro Grotto (2023) ‘The Modal Components of Judgements in a Quantum Model of Psychoanalytic Theory’, Entropy, 25, 1057. Available at: https://doi.org/10.3390/e25071057


[2] Ignacio Matte Blanco (1998 [1975]) The Unconscious as Infinite Sets: An Essay in Bi-Logic, London: Karnac Books.


[3] George Spencer-Brown (1997) Laws of Form / Gesetze der Form, Hamburg: Bohmeier Verlag.


[4] Vgl. Phil Mollon (2002) ‘The Unconscious’, in: Ivan Ward (ed.) On a Darkling Plain: Journeys into the Unconscious, Duxford, Cambridge: Icon Books Ltd.


[5] Matte Blanco (1998 [1975]), The Unconscious as Infinite Sets.


[6] Walt Whitman (2009 [1860]) Leaves of Grass, Iowa City: University of Iowa Press.


[7] Ignacio Matte-Blanco (1988) Thinking, Feeling, and Being: Clinical Reflections on Fundamental Antinomy of Human Beings in the World, London and New York: Routledge.


[8] Siehe: Paolo Zellini (2004) A Brief History of Infinity, London: Allen Lane, Penguin Books.


[9] Matte Blanco (1998 [1975]), The Unconscious as Infinite Sets.


[10] Battilotti, Borozan and Lauro Grotto (2023), Entropy, 25, 1057.


[11] Giulia Battilotti, Miloš Borozan and Rosapia Lauro Grotto (2021) ‘Infinite Singletons and the Logic of Freudian Theory’, Language and Psychoanalysis, 10(2), pp. 46–62.

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Aktualisiert: 3. Apr. 2025



Ich mag den Necker-Würfel. Er versinnbildlicht etwas für mich: Wenn du lange genug darauf schaust, verändert sich etwas, verschiebt sich etwas auf geradezu gravierende Art und Weise.


Der Necker-Würfel ist ein Kippbild. Ein Kippbild ist etwas, das im Zuge seiner Betrachtung in etwas anderes umschlägt. Der Hintergrund wird zum Vordergrund, der Vordergrund wird zum Hintergrund. Was folgt, ist ein Aha-Moment. Eine Illusion? Ich würde sagen: Nein, das wird der Sache nicht gerecht. Dieser Perspektivenwechsel ist keine Illusion im engeren Sinn. Vielmehr ist das Potential, den Würfel auf die jeweils andere Weise zu sehen, wirklich vorhanden. Zugleich ändert sich nichts am Würfel. Es ändert sich nur etwas im Betrachter. Es ist auch nicht so, dass eine der beiden Perspektiven, die man auf den Necker-Würfel haben kann, wahrhaftiger ist als die andere. Beide Perspektiven haben ihre Richtigkeit. Das heißt, sie sind wirklich und wirkkräftig, wenn auch vielleicht nicht im engeren Sinne real – aber was würde das auch heißen?


Der Necker-Würfel funktioniert als Kippbild, da er uneindeutig gezeichnet ist, eine ambige Figur. In der Forschung wird der Necker-Würfel oft als Metapher für die Subjektivität und Wandelbarkeit des Zeitempfindens herangezogen. Ich denke, das Leben als solches hat mehr mit einem Necker-Würfel gemein als mit klaren, geometrischen Figuren.


Die Erfahrung, das subjektive Innenleben, ist grundlegend ambig, uneindeutig. Und dennoch ist die subjektive Wirklichkeit nachvollziehbar, miterfahrbar für andere, indem man beispielsweise sagt: Schau mal auf den Vordergrund dieses Würfels. Und jetzt schau auf den Hintergrund. Gut. Sag mir, was du siehst.

Nachdem ich vor einigen Jahren einen Beitrag zur Evidenzbasiertheit psychodynamischer bzw. psychoanalytisch orientierter Psychotherapie verfasst habe, wird es nun Zeit für ein Update. Dabei habe ich mich auf Fachartikel beschränkt, die in qualitativ hochwertigen Journals erschienen sind.

Eine Übersichtsstudie von Leichsenring et al. (2023) sowie eine weitere Übersichtsstudie von Gonon und Keller (2021) kommen zu dem Schluss, dass psychodynamische Psychotherapie (PDT) als empirisch belegte Behandlung für häufige psychische Störungen gelten kann. Die Studie von Leichsenring et al. (2023) bezieht sich auf aktuelle Meta-Analysen zur Effektivität psychodynamischer Therapie bei Depressionen, Angststörungen, somatoformen Störungen, Essstörungen, Persönlichkeitsstörungen und komplexen Traumata. Die Ergebnisse zeigen, dass PDT bei all diesen Störungen wirksam ist. Die Effektstärken sind mit denen anderer etablierter Therapieformen vergleichbar (dabei ist es auffällig, dass viele Therapien, die gerade als en vogue gelten, etwa die Schema-Therapie, ACT oder auch IFS zunehmend Ansätze entwickeln, die den psychodynamischen Ansätzen frappant ähneln).


Zu einzelnen Symptombildern:


Angststörungen


Psychodynamische Psychotherapie ist eine wirksame Option für soziale Angststörungen, insbesondere für Patienten (Steiner et al. 2017), die keine Expositionstherapien bevorzugen oder an tieferliegenden Konflikten arbeiten möchten (Milrod et al 2016). Sie erreicht vergleichbare Effekte wie Kognitive Verhaltenstherapie. (Zhang et al. 2022)


Depressionen bzw. »Mood Disorders«


Eine Metaanalyse von Driessen et al. (2015) untersuchte, ob psychodynamische Therapie in ihrer Wirksamkeit gleichwertig zu etablierten Behandlungen wie kognitiver Verhaltenstherapie (CBT) und Pharmakotherapie ist. Es wurden 23 randomisierte kontrollierte Studien (RCTs) mit insgesamt 2.751 Patienten analysiert, wobei – wie im Fall der anderen hier erwähnten Metastudien – ein besonderes Augenmerk auf methodische Strenge und die Minimierung von Forscher-Bias gelegt wurde. Die Metaanalyse kam zu dem Schluss, dass psychodynamische Therapie in ihrer Wirksamkeit etablierten Behandlungen wie CBT oder Pharmakotherapie gleichwertig ist. 


Persönlichkeit


Menschen mit schweren Borderline-Symptomen profitieren vom Skills-Training und ähnlichen DBT-Interventionen. Andererseits profitieren Menschen, deren Borderline-Symptomatik weniger stark ausgeprägt ist, von psychodynamischen Therapien eventuell stärker als von DBT (Keefe et al. 2020). Eine Meta-Studie von Cristea et al. (2017) untersuchte die Wirksamkeit unterschiedlicher Psychotherapien bei der Behandlung der Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPD) durch eine systematische Analyse randomisierter klinischer Studien. Es wurden 33 randomisierte klinische Studien mit insgesamt 2256 Teilnehmern analysiert. Den Ergebnissen dieser Meta-Studie zufolge sind vor allem psychodynamische Ansätze und dialektisch-behaviorale Therapie effektiv bei der Behandlung von Borderline-Persönlichkeitsstilen.


Somatoforme Störungen, psychosomatische Störungen und Konversionsstörungen


Eine Metastudie von Abbas et al. (2009) belegt außerdem, dass die psychodynamische Therapie auch bei somatoformen Störungsbildern wesentliche Verbesserungen bringen kann, insbesondere im Hinblick auf körperliche Symptome, psychiatrische Symptome und soziale Funktionalität.


Dabei dürften die Einsichten in den Zusammenhang von Vergangenheit und Gegenwart wesentlich für die Veränderungsprozesse in psychodynamischen Therapien sein (Jennissen et al. 2018).

Die psychodynamische Psychotherapie hat sich wiederholt als wirksame Methode zur Behandlung einer Vielzahl psychischer Probleme erwiesen, früher mithilfe von qualitativer Forschung, heute immer öfters mithilfe von quantitativen, randomisierten Kontrollstudien. Die Aufnahme der psychodynamischen Therapie in die Mental Health Policy Guidance der WHO unterstreicht ihre Bedeutung als evidenzbasierte Behandlungsmethode.


Zugleich ist es wichtig zu erkennen, dass die standardisierten Rahmenbedingungen von Wirksamkeitsstudien nicht immer die gesamte Bandbreite der therapeutischen Erfahrung erfassen können. Die Nuancen der zwischenmenschlichen Interaktion und die Tiefe individueller Prozesse, die im therapeutischen Raum stattfinden, sind oft schwer messbar. Dies bedeutet nicht, dass Wirksamkeitsstudien irrelevant sind; sie liefern wichtige Erkenntnisse, doch sie können die Komplexität der psychodynamischen Therapie nur teilweise abbilden.


Es kann hilfreich sein, die verschiedenen Therapieoptionen zu erkunden, um eine passende Behandlung zu finden. Die psychodynamische Psychotherapie ist dabei eine von vielen Möglichkeiten, die in Betracht gezogen werden kann.


Quellen


Abbass, Allan,Stephen Kisely, Kurt Kroenke; Short-Term Psychodynamic Psychotherapy for Somatic Disorders: Systematic Review and Meta-Analysis of Clinical Trials. Psychother Psychosom 1 August 2009; 78 (5): 265–274.


Driessen E, Hegelmaier LM, Abbass AA, Barber JP, Dekker JJ, Van HL, Jansma EP, Cuijpers P. (2015) The efficacy of short-term psychodynamic psychotherapy for depression: A meta-analysis update. Clin Psychol Rev.


Gonon F, Keller PH. L’efficacité des psychothérapies inspirées par la psychanalyse : une revue systématique de la littérature scientifique récente [Efficacy of psychodynamic therapies: A systematic review of the recent literature]. Encephale. 2021 Feb;47(1):49-57. 


Jennissen, S., Huber, J., Ehrenthal, J. C., Schauenburg, H., & Dinger, U. (2018). Association between insight and outcome of psychotherapy: Systematic review and meta-analysis. American Journal of Psychiatry175(10), 961–969


Keefe JR, Kim TT, DeRubeis, RJ, Streiner DL, Links PS, McMain SF (2020). Treatment selection in borderline personality disorder between dialectical behavior therapy and psychodynamic psychiatric management. Psychological Medicine 1–9.


Leichsenring, F., Abbass, A., Heim, N., Keefe, J.R., Kisely, S., Luyten, P., Rabung, S. and Steinert, C. (2023), The status of psychodynamic psychotherapy as an empirically supported treatment for common mental disorders – an umbrella review based on updated criteria. World Psychiatry, 22: 286-304.


Milrod B, Chambless DL, Gallop R, Busch FN, Schwalberg M, McCarthy KS, Gross C, Sharpless BA, Leon AC, Barber JP (2016) Psychotherapies for Panic Disorder: A Tale of Two Sites. J Clin Psychiatry. 77(7):927-35.


Qiqi Zhang, Pengcheng Yi, Gi Song, Kangkang Xu, Yi Wang, Jiayuan Liu, Zhao Chen, Haifeng Zhang, Lijun Ma, Wen Liu, Xiaoming Li, (2022) The efficacy of psychodynamic therapy for social anxiety disorder–A comprehensive meta-analysis, Psychiatry Research, Volume 309.


Steinert, C., Munder, T., Rabung, S., Hoyer, J., & Leichsenring, F. (2017). Psychodynamic Therapy: As Efficacious as Other Empirically Supported Treatments A Meta-Analysis Testing Equivalence of Outcomes. American Journal of Psychiatry174(10), 943–953.


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