Beschäftigung mit der Vergangenheit
Ist es wirklich nötig, in der eigenen Biographie zu wühlen? Was bringt es, sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen? Soll man diese nicht einfach ruhen lassen? Ist das Vergangene nicht einfach vergangen?
In meinen Augen ist die Vergangenheit, wie wir es mit ihr in der Psychotherapie zu tun haben, ein bisschen wie das Licht eines fernen Sternes.
Bekanntlich besteht jeder Stern und jeder Planet aus Materie, die schlagartig aus dem Urknall hervorgegangen ist: Die gesamte Materie des Universums hat denselben Ursprung. Der Urknall selbst wiederum ist kein isoliertes Ereignis, das einfach irgendwann anfing und irgendwann aufhörte. Im Gegenteil, der Urknall dauert an, persistiert (genau jetzt durchflutet seine Hintergrundstrahlung den Raum, in dem Sie sitzen, wir sind in unmittelbarem Kontakt mit dem frühesten Beginn von Allem). Mit der Zeit driftete diese Materie auseinander, bildete Sterne, Galaxien, Nebel…
Das Licht der Sterne erreicht uns deshalb also immer aus der Vergangenheit, obwohl wir doch auf die denkbar intimste Weise mit ihnen verbunden sind. Fernere Sterne sind derart weit von uns entfernt, dass ihr Licht uns erst noch erreichen muss. Ihr Licht ist seit dem Urknall unterwegs, hat uns aber noch nicht erreicht. Das heißt, das Sternenlicht kommt aus der Vergangenheit, wird aber erst in der Zukunft sichtbar. Deshalb wird man in den nächsten Jahrmillionen Sterne und Galaxien sehen können, die für uns Heutige noch unsichtbar sind.
Das Licht der fernsten Sterne zeigt sich erst in der Zukunft, kommt aber aus der dunkelsten Vergangenheit.
Der Punkt ist: Die Vergangenheit ist nicht vergangen.
Mehr noch, manchmal muss die Vergangenheit erst noch geschehen, aus der Zukunft zu uns kommen.
In unserer Psyche und vor allem in unserem Unbewussten, gibt es Bereiche, die keinen zeitlichen Koordinaten unterliegen, Geschehnisse, die wir noch nicht wirklich erfahren haben, weil wir sie aufgrund von Überforderung oder aufgrund früherer Entwicklungsstufen nicht erfahren konnten.
Es handelt sich um Geschehnisse, die dem eigenen Werden entzogen sind.
Psychotherapie, zumindest das, was ich darunter verstehe, arbeitet unter anderem daran, solche Geschehnisse emotional erfahrbar, zuordenbar und bedeutsam zu machen.
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