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Unvollständige Theorien

  • 29. Juni
  • 4 Min. Lesezeit

Vor ein paar Tagen las ich eine Biographie mit dem Titel The Price of Altruism. Das Buch behandelt das Leben und Denken von George Price, einem Chemiker, der das Verständnis der Evolutionstheorie um die sogenannte Price-Gleichung bereichert hat. Vor allem geht es darin aber um eine Frage, die sich vermutlich den meisten Menschen irgendwann stellt. Sie lautet: Gibt es echte Selbstlosigkeit oder ist diese nur ein verschleierter Egoismus?


Aus evolutionstheoretischer Perspektive wurde altruistisches Verhalten lange als Abweichung von Darwins Lehre betrachtet. Darwin selbst dachte, dass seine Theorie unvollständig sei, solange der Altruismus ein Rätsel bliebe. Price ermöglichte mit seiner Arbeit den mathematischen »Beweis« dafür, dass Altruismus aus evolutionstheoretischer Perspektive auf evolutionärem Selbstinteresse, der Weitergabe von Genen, beruht.


Price arbeitete für die innovativsten Institutionen seiner Zeit, unter anderem im Rahmen des Manhattan Projekts, für die Bell Labs und für IBM. Fachlich durchquerte er die Disziplinen und beschäftigte sich mit medizinischer Chemie ebenso wie mit Statistik, Biologie, Informatik und Kybernetik. Sein Leben lässt sich als Schnitzeljagd nach Erkenntnissen beschreiben. Zugleich war er jemand, der einen unersättlichen Drang nach Anerkennung hatte. Price lebte in der Überzeugung, ein verkanntes Genie zu sein und war besessen von dem Wunsch, etwas Bedeutsames hervorzubringen.


Während Price seine wissenschaftlichen Ambitionen vorantrieb, zerbrach seine Ehe. Seine Töchter beschrieben ihn als wohlmeinenden, aber abwesenden Vater, bis er schließlich, als beide noch Kinder waren, ganz aus ihrem Leben verschwand. Ihnen schrieb er, er würde für ein paar Monate für Recherchen nach Europa gehen; in einem Brief an einen Freund erläuterte er hingegen, dass es sich um eine glatte Lüge gehandelt hatte und er seine Rückkehr in die USA endlos hinausschieben würde.


Price selbst deutete später an, dass es biographische Entwicklungen waren, die ihn auf den Altruismus als Forschungsthema brachten: Was heißt es, für jemanden da zu sein? Was bedeuten Familie und Vaterschaft? Diese Fragen trieben ihn um. Hinter seinem abstrakten Thema stand die konkrete Familie, die Price verlassen hatte.


In einem Brief an seine Tochter Kathleen schreibt er, offenbar ohne die Ironie seiner Worte zu bemerken, frei übersetzt


»In meinem opus magnum wird es um den evolutionären Ursprung der menschlichen Familie gehen. Bei vielen Vogelarten, aber nur bei wenigen Säugetieren ist es üblich, dass der biologische Vater sich direkt um seine Nachkommen kümmert. Bei den meisten Säugetieren spielt der Vater nur bei der Zeugung eine Rolle, die Mutter zieht die Kinder allein auf. […] Aber in der menschlichen Gattung ist das dominante Muster in vielen, wenn nicht in allen Kulturen, dass sich die Väter [...] um ihre eigenen Kinder kümmern. Problem: Warum hat sich unsere Spezies so entwickelt? In Liebe, Papa«

Schließlich stellte Price eine Gleichung auf, die ihm seinen eigenen Egoismus nicht nur aufzeigte, sondern diesen in Stein zu meißeln schien.


Doch wer möchte schon erkennen, dass er nur einem blinden Automatismus folgt? Sein Forschungsergebnis erschien ihm als zutiefst unannehmbar.


Mir geht es nicht darum, die Frage zu klären, ob der reduktionistische Ansatz, den Price verfolgte, valide ist. Was mich beschäftigt, ist die Kehre in seinem Leben, die Art und Weise, wie Price mit seiner Erkenntnis umging: Kurze Zeit nach seiner Entdeckung konvertierte er, der stets militanter Atheist gewesen war, zum Christentum, verschenkte alles, was er besaß, lebte unter Londoner Obdachlosen und beging 1975 Selbstmord in einem besetzten Haus, in welchem er die letzten Jahre seines Lebens zugebracht hatte.


Zugleich muss er sich darüber bewusst gewesen sein, dass es altruistische Taten gibt, die durch seine eigenen Überlegungen kaum zu erklären sind: Soldaten, die sich als lebendes Schutzschild auf eine Granate werfen, um Kameraden zu schützen, mit denen sie nie auch nur ein Wort gesprochen haben, Menschen, die sich in reißende Flüsse stürzen, um völlig Fremde und sogar Tiere zu retten. Die Empirie zeigt sehr klar, dass es nicht nur um die Weitergabe von Genen gehen dürfte. Doch Price dürfte seinen eigenen Egoismus als eine Art von von Naturgesetz erkannt haben. Deshalb machte er, was Menschen nun mal zu machen neigen, wenn sie Selbsterkenntnisse haben: er rebellierte dagegen.


Er veränderte radikal sein Leben, mit dem Ziel, die Schlussfolgerungen, die seine Gleichung im Hinblick auf den Altruismus nahelegten, durch Taten zu widerlegen. Er umgab sich mit Menschen, denen er weder aufgrund seiner Verwandtschaft noch aufgrund instrumenteller Interessen zugetan war. Er gab seinen Besitz auf und verschenkte sein Eigentum, bis er nicht einmal mehr ein Paar Schuhe besaß.


Nun könnte diese Gegenreaktion auf die Implikationen der eigenen Forschung als widersprüchlich bezeichnet werden: Wenn jeder Altruismus am Ende nur versteckter Egoismus ist, und dies noch dazu evolutionär festgeschrieben ist, wäre auch Price’s Selbstsucht entschuldbar gewesen. Doch sein selbstgeschaffener Freispruch führte nicht zum Schwinden der Schuld, sondern dazu, dass er sich seiner Verantwortung bewusst wurde. Erstmals wurde die volle Wucht seiner Schuld spürbar.


Um diese Zeit herum versuchte er auch, den Kontakt zu seinen beiden Töchtern wieder aufzunehmen, doch die Wiederannäherung schlug fehl. Das Scheitern seiner Ehe bedauerte er bis an sein Lebensende. In einem der Briefe an eine seiner Töchter schrieb er, frei übersetzt:

»Es tut mir leid, dass ich dich damals verlassen habe, und es tut mir leid, dass ich dir so ein schlechter Vater war. Wenn ich jetzt dein Bild betrachte, wünschte ich, ich könnte nochmals von vorne beginnen.«

Price’s Geschichte ließe sich auf alle möglichen mehr oder weniger aufschlussreichen Weisen psychoanalytisch ausdeuten, auch wäre es ein Leichtes, ihm einen ganzen Strauss psychiatrischer Diagnosen umzuhängen. Seinem Schicksal würde das nicht gerecht werden. Zweifellos zeigt sich in seiner Biographie die Sehnsucht nach und die Unfähigkeit zu konkreter, zwischenmenschlicher Nähe. Wenn ich so darüber nachdenke, dann habe ich den Eindruck, dass er sich mit wichtigen Fragestellungen beschäftigt hat, die jedes Leben begleiten, aber auf die abstrakteste Weise, die ihm zugänglich war.


Wenn es zu keiner Versöhnung zwischen dem Abstrakten und dem Konkreten kommt, ist das eine Tragödie.




Quellen: Harman, Oren, The Price of Altruism, George Price and the Search for the Origins of Kindness, W. W. Norton, New York, London 2010.

 
 
 

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