Träume von Schäumen
- 7. Feb.
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Manchmal hört man, dass Träume Schäume seien. Sicher ist, dass viele Menschen ihren Träumen keine Beachtung schenken. Im Alltag ist es leicht, sich nicht mit ihnen aufzuhalten. Weder widmet man ihnen Aufmerksamkeit, noch betrachtet man sie als ein Geschenk, das es auszupacken gilt. Stattdessen erstickt man ihre Vergegenwärtigung im Getümmel des Alltags.
Aus wissenschaftlicher Perspektive ist die Einschätzung, dass Träume bedeutungslos seien, längst nicht mehr haltbar.
Die moderne Traumforschung, die sich aus den Ergebnissen der Neurowissenschaften, der Psychologie, der Philosophie des Geistes und der Psychoanalyse speist, zeigt vielmehr, dass Träume ein hochorganisiertes, affektiv aufgeladenes und subjektiv sinnvolles Phänomen darstellen. Die Frage ist daher weniger, ob Träume Schäume sind, sondern vielmehr, was Träume über das Wesen des Bewusstseins und des Unbewussten verraten.
Lange Zeit dominierte in den Neurowissenschaften die von Allan Hobson vertretene Aktivierungs-Synthese-Hypothese. Diesem Modell zufolge entstehen Träume primär durch zufälliges, hirnstammvermitteltes neuronales Feuern im REM-Schlaf, das vom Kortex nachträglich zu scheinbar sinnhaften Narrativen »synthetisiert« wird. Bedeutung, Intentionalität oder psychologischer Gehalt der Träume seien demnach oberflächliche Phänomene ohne funktionale Tiefe. Diese Position hatte großen Einfluss, nicht zuletzt weil sie gut mit einem streng bottom-up-orientierten, mechanistischen Gehirnverständnis – wie es von der behavioristischen Psychologie eingefordert wurde –, harmonierte und psychoanalytische Traumtheorien explizit zurückwies.
Gegen diese Auffassung hat sich insbesondere Mark Solms profiliert, der sowohl Neurowissenschaftler als auch Psychoanalytiker ist. Solms konnte anhand neuropsychologischer Läsionsstudien nachweisen, dass das Träumen nicht primär vom REM-Schlaf abhängt, sondern von dopaminergen, mesolimbischen Netzwerken, die mit Motivation, Emotion und Zielgerichtetheit verbunden sind. Patienten mit Läsionen im Hirnstamm können weiterhin träumen, während Läsionen im ventromesialen Frontallappen das Träumen zum Erliegen bringen – selbst bei intaktem REM-Schlaf. Damit wurde Hobsons These eines rein zufälligen Aktivierungsprozesses empirisch widerlegt.
Hobson selbst hat seine Theorie – auf der letzten Endes seine gesamte Karriere fußte –, aufgrund derartiger Erkenntnisse stark relativiert. Träume sind aus dieser Perspektive betrachtet nicht einfach nur Abfallprodukte neuronaler Aktivität, sondern Ausdruck eines affektiv aufgeladenen Bewusstseins, in dem Wünsche, Sorgen und existenzielle Themen symbolisch verarbeitet werden. Dass Solms hier explizit an psychoanalytische Konzepte anschließt, bedeutet nicht eine Rückkehr zu spekulativer Metapsychologie, sondern eine empirisch informierte Revision derselben.
Eine wichtige Brücke zwischen affektiver Neurobiologie und Traumtheorie schlägt Jaak Panksepp. Seine Arbeiten zu evolutionär alten, subkortikalen Emotionssystemen – Systeme, die er mit Großbuchstaben, z. B. SEEKING, FEAR und CARE benennt – zeigen, dass Affekte nicht bloß kognitive Bewertungen sind, sondern dass sie das bewusste Erleben organisieren.
Träume sind in diesem Licht keine Überreste unsauberer kognitiver Arbeit, vielmehr manifestieren sich in diesen die grundlegenden Affektsysteme. Ermöglicht wird dies durch einen Zustand reduzierter sensorischer Beschränkung, sprich, durch das Wegfallen der unmittelbaren Einschränkungen durch die Außenwelt. Besonders das dopaminerge SEEKING-System, das mit Neugier, Erwartung und motivationaler Spannung verbunden ist und früher irreführenderweise als Belohnungssystem bezeichnet wurde, spielt nach Panksepp eine zentrale Rolle im Traumgeschehen.
Träume erscheinen so als affektiv strukturierte Simulationen, in denen das Gehirn ohne äußeren Zwang emotional hoch bedeutsame Szenarien generiert. Träume sind Experimente unter veränderten Bewusstseinszuständen, wodurch diese neue Perspektiven auf die Wirklichkeit zutage fördern können. Der Traumforscher Robert Stickgold hat Träume mit »riskanten Investments« verglichen, die manchmal zu nichts führen, andere Male dafür aber Gewinne in Form höchst bedeutsamer Erkenntnisse nach sich ziehen. Dabei geht es wohlgemerkt weniger um Problemlösung als um die persönliche Signifikanz des Traums für den Träumenden.
Gerade weil das Bewusstsein während des Träumens in stark verringerter Form durch äußere Einflüsse beschränkt wird,ermöglicht das Traumbewusstsein einen direkten Einblick in die affektive, motivationale und selbstbezogene Organisation des Gehirns.
Quellen:
Hobson, Allan J., Dreaming: A Very Short Introduction, Routledge, Oxford, New York 2002.
Hobson, Allan J., Tranquillo, Nicholas (Hg.) Dream Consciousness. Allan Hobson’s New Approach to the Brain and Its Mind, Springer, Cham, Heidelberg New York, Dordrecht, London 2014.
Kaplan-Solms, Karen, Solms, Mark, Neuro-Psychoanalyse, Eine Einführung mit Fallstudien, Klett-Cotta, Stuttgart 2003.
Robb, Alice, Why We Dream, Houghton Mifflin Harcourt Publishing Company, New York 2018.
Solms, Mark, The Hidden Spring, A Journey to the Source of Consciousness, w. W. Norton and Company, New York 2021.
Zadra, Antonio, Stickgold, Robert, When Brains Dream, Exploring the Science and Mystery of Sleep, W. W. Norton & Company, New York 2021.
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