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Ferndiagnosen sind ein populäres und nahezu allgegenwärtiges Phänomen. Die häufigste Ferndiagnose unserer Zeit kommt meistens mit einem Rufzeichen versehen und lautet: »Narzisst!«. 


Ob gerechtfertigt oder nicht: Meistens wird diese Zuschreibung an der Schwelle zwischen Diagnose und Unterstellung mit einem moralisierenden Gestus vorgetragen. Es geht also um Abwertung.


Es ist sehr verlockend, auf solche Urteile zurückzugreifen: Wer möchte sich nicht auf der richtigen Seite wissen? Die Attraktivität von Ferndiagnosen hat wahrscheinlich damit zu tun, dass wir dazu neigen, Eigenschaften, die wir nicht bei uns selbst wahrnehmen wollen, bei anderen sehr wohl und sogar in verstärkter Form wahrzunehmen.


Einer der stärksten narzisstischen Abwehrmechanismen ist die Spaltung. Die Spaltung bezeichnet z. B. das starre Aufteilen der Welt in Gut/Böse, in Richtig/Falsch. Dabei ist die Rollenaufteilung klar: man selbst ist auf der Seite des Guten, Richtigen, der Andere ist auf der Seite des Schlechten, Falschen.


Sobald man auf diese Weise zu denken und zu moralisieren beginnt, ist es unmöglich zu hören, was das Gegenüber eigentlich sagen will.


Die Psychoanalyse hat im Laufe ihrer Geschichte extrem reichhaltige und wertvolle Einsichten über den Narzissmus entwickelt. Mit der Hilfe dieses Diskurses können wir allerdings womöglich besser über den eigenen Narzissmus nachdenken, als mit Diagnosen um uns schleudernd den Narzissmus der Anderen zu ächten:


Es gibt gute Gründe dafür. Man denke z. B . an den Psychoanalytiker Heinz Kohut. Kohut war einer der profiliertesten Narzissmus-Theoretiker. Kohuts Fallstudie über den Narzissten Herrn Z. basierte seinem Biographen Charles Strozier zufolge nicht auf einem von Kuhuts Patienten, sondern auf seinen persönlichen Tagebucheinträgen. Wie auch immer man zu dieser Vorgehensweise stehen mag, offenbar versuchte Kohut zumindest, seine eigenen narzisstischen Anwandlungen aufzuarbeiten.


Der Narzissmus ist ein Problem, das sich allen Menschen stellt.


Freud verwendete den Begriff des primären Narzissmus, um eine für die Ich-Entwicklung notwendige libidinöse Besetzung des Ichs zu beschreiben. Leicht verkürzt könnte man sagen, dass diese Besetzung der Keim dafür ist, dass Selbstliebe sich später zu einer reifen Liebe anderer Menschen zu entwickeln vermag. Andere Menschen – die primären Bezugspersonen – werden in der frühen Kindheit noch nicht als eigenständig erkannt, sondern als Erweiterungen des Selbst, der eigenen Bedürfnisse, Wünsche und Ansprüche. Weil der Narzissmus so eng mit der Ich-Entwicklung verbunden ist, gibt es auch keine vollständige und dauerhafte Überwindung dieser Phantasie. Was es geben kann, ist eine kontinuierliche Entwicklung und Arbeit, die hin zum Anderen führt.


Die Schriftstellerin Kristin Dombek hat vor einigen Jahren einen Buchessay mit dem Titel »Die Selbstsucht der Anderen« verfasst, in welchem sie auf sehr kluge und eindrückliche Weise die Zwiespältigkeit der Schuldzuweisung »Narzisst!« aufarbeitet:


Dombek zufolge handelt es sich dabei in vielen Fällen um einen Ausdruck der Frustration darüber, dass die jeweils andere Person unsere Bedürfnisse und Erwartungen nicht erfüllt, von uns abweichende Ansichten hat oder unser Selbstbild nicht validiert. Sogar Empathie, Mitleid und Mitgefühl können so dazu verwendet werden, zu verwässern, dass das Gegenüber wirklich anders denkt und empfindet als man selbst.


Ein Beispiel: Herr Müller erzählt Ihnen davon, unflätig einen seiner Kollegen beleidigt zu haben. Als sein Freund versuchen Sie, seine Lage zu verstehen: eine empathische Reaktion könnte nun darin bestehen, sich in Herrn Müller hineinzuversetzen, an eigene Erfahrungen mit Stress und Überreiztheit und eventuell damit verknüpften Überreaktionen zurückzudenken.

Dabei wäre es aber auch denkbar, dass Herr Müller gar nicht aus einer Überreaktion heraus beleidigend war, sondern, weil er es so meinte, und sei es, weil er seinen Kollegen verabscheut.

Der vorschnelle Versuch, empathisch zu sein, negiert dann nicht nur die Gefühle und Sichtweisen Herrn Müllers, sondern dieser Versuch hält auch eigene sozial und moralisch unangebrachte Gefühle von uns fern, die den Gefühlen des Gegenübers vielleicht stärker ähneln würden, als einem lieb ist.


Es ist eine einfache Lösung, zu bevorzugen, sich empathisch und verständnisvoll zu fühlen: Andernfalls müsste man sowohl seinen eigenen Charakter als auch den des Freundes infrage stellen.


Menschen haben grundsätzlich die Tendenz, einander zu enttäuschen: andernfalls müssten wir nicht miteinander reden, weder Konsens finden noch Dissens feststellen. Narzissmus hat gerade auch mit dieser grundsätzlichen Frustration und dem Wunsch, dieser zu entgehen, zu tun.

Wenn der andere nicht reagiert wie erhofft, neigen wir dazu, die jeweilige Reaktion als moralischen Makel zu bewerten, statt sie als Hinweis auf Differenz zur Kenntnis zu nehmen.


Die Wunschvorstellung nach einem vollkommen nicht-narzisstischen Menschen – nach jemandem, der absolut einfühlsam und grenzenlos gütig ist und uns niemals enttäuscht – ist ihrerseits eine narzisstische Phantasie: Das Gegenüber wird als Objekt gedacht, das unserer emotionalen Regulation dient. 


Der Vorwurf des Narzissmus wird dann schnell zu einem Mittel, die Selbstbegrenzung des Ichs abzuwehren, indem man anderen ihre großen Egos vorwirft. 


Wie Hans-Georg Gadamer vor vielen Jahren sagte, hängt viel an der Kunst, sich etwas sagen zu lassen.



Quellen:


Dombek, Kristin, Die Selbstsucht der anderen, Ein Essay über Narzissmus, Suhrkamp Berlin 2015.

  • 2 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 19. Dez. 2025

Eine psychische Krise ist eine Zustandsveränderung: Die Welt ist eine andere geworden.


So schlägt uns die Welt in einer Depression als graue, zweidimensionale Flachheit entgegen: Der Geschmackssinn versagt. Die Ohren vernehmen nur noch Lärm. Aus dem Körper weicht jegliche Kraft. Wir sind überzeugt davon, allein zu sein, selbst wenn andere das Gegenteil beteuern.


Man hat nicht nur einfach eine Depression. Wenn man sie durchläuft, ist sie nicht einfach nur ein Randfaktor der Existenz, sie ist die Existenz selbst.


Es handelt sich bei so einem Zustand um kein Symptom, sondern um ein umfassendes Lebensgefühl, eine Weise des In-der-Welt-Seins.


Es gibt ein Wissen, das vermutlich nur durch solche und ähnliche länger anhaltende psychische Krisenzustände erworben werden kann: Inmitten der Krise fühlt es sich so an, als würde das Lebensgefühl, in dem man sich befindet, »natürlich« sein und niemals enden – als wäre man genau das, was man zu sein glaubt.


Wenn die Krise jedoch abgeklungen ist, erkennt man aus erster Hand, dass Bewusstseinsveränderungen so radikal und stark sein können, dass man vergisst, wie es sich vorher angefühlt hatte.


Man hatte einfach keinen Zugang mehr dazu, dass das Leben sich auch anders anfühlen kann, dass es sehr unterschiedliche Arten des In-der-Welt-Seins geben kann.


Matthew Ratcliffe, ein Philosoph, der eine Phänomenologie der Depression verfasst hat und immer wieder von dieser heimgesucht wurde, schreibt:

Although this ‘world’ or ‘sense of reality and belonging’ is not completely lost in depression, I will argue [...] that it is profoundly altered—the person does not feel fully ‘part of the world’ and everything seems somehow different. [...] such experiences cannot be accounted for solely in terms of what the person perceives, feels, believes, or remembers. They involve a change in the structure of perceiving, feeling, believing, and remembering, attributable to a disturbance of ‘world’.

Es gibt Menschen, die, – außer in zeitlich stark begrenzten Zuständen wie im Rausch, im Schlaf, in der Sexualität oder im Traum – nie längere Zustandsveränderungen durchlebt haben. Sie wissen nicht oder nur theoretisch, wie sehr sich das Gefühl des In-der-Welt-Seins wandeln kann.


Dahingegen ist es etwas deutlich anderes, sich darüber bewusst zu werden, dass, auf welche Weise auch immer die Welt erfahren wird, sich verändern und irgendwann auch enden wird. Die Depression ist ein Bewusstseinszustand. Dasselbe gilt für Angst, Paranoia und Psychose, für alle nur denkbaren Erfahrungen, die einen das Leben durchlaufen lässt.


Menschen, die solche Zustände durchleben und aus diesen hervorgehen, wissen, dass es veränderte Zustände gibt. Das zu wissen kann in einer krisenhaften Zeit ein Anker sein, um solche Phasen auszuhalten. Im Hinblick auf das restliche Leben kann diese Erkenntnis ein Geschenk sein.


Ich würde sogar behaupten, dass sich daraus ein ethischer Imperativ ableiten ließe:


Handle stets so, dass dein Handeln in Rechnung stellt, dass die Wahrnehmung deiner Welt, deiner selbst und der anderen sich verändern wird, auch wenn du es gerade nicht für möglich hältst.

Quellen:


Ratcliffe, Matthew, Experiences of Depression: A study in phenomenology, Oxford University Press, Oxford 2015.

  • 3 Min. Lesezeit

Cormac McCarthy ist vor allem durch seine Romane Die Abendröte im Westen und The Road bekannt, Werke, die sowohl als Romane wie auch als anthropologisch-psychologische Studien über die menschliche Natur gelesen werden können. Seine literarische Sprache ist bildhaft-archaisch; so beschwört er unmittelbar unsere visuelle Vorstellungskraft, wenn er Die Abendröte im Westen mit einer direkten Aufforderung an diese beginnen lässt:


»Seht das Kind. Der Junge ist blass und mager, trägt ein dünnes, zerschlissenes Leinenhemd.«.

Vor einigen Jahren hat McCarthy einen Essay für das Nautilus-Magazin geschrieben, in welchem er eine prägnante Theorie des Unbewussten vorlegt, die seiner literarischen Arbeit entspricht: The Kekulé Problem.


Der Titel des Essays bezieht sich auf den Chemiker August Kekulé, der sein Fach revolutionierte, als er die Struktur des Benzolmoleküls entdeckte, bzw., genauer: erträumte. Denn diese Entdeckung wurde ihm in einem Traum eingegeben. In besagtem Traum beobachtete Kekulé eine Schlange dabei, wie sie ihren eigenen Schwanz zu verschlingen im Begriff war. Er erwachte mit dem Aha-Erlebnis, dass es sich bei bei dem Traumbild um die Struktur des Benzolmoleküls handeln musste.


Kekulè löste also ein neuartiges, wissenschaftliches Problem mithilfe eines Traumsymbols. Er gehört damit zu einer Reihe von Wissenschaftlern und Denkern, denen ähnliches widerfahren ist: Darunter Dmitri Mendelejew, Henri Poincaré, und Otto Loewi.


Im Kern geht es in McCarthys Essay um die Nachrangigkeit der Sprache gegenüber einem fundamentaleren Denkprozess, der offenbar bildhaft-symbolisch statt logisch-sprachlich abläuft.


Die Frage, die sich für McCarthy stellt, ist die folgende: Wenn August Kekulé die Struktur des Benzolmoleküls sucht — warum sagt sein Unbewusstes ihm nicht einfach: »Es ist ein Ring.« Warum schickt es stattdessen die Vision einer Schlange, die sich selbst verschlingt?


McCarthys Antwort lautet: Weil das Denken auf unbewusster Ebene nicht sprachlich, sondern symbolisch, bildhaft abläuft. Probleme werden nicht auf der sprachlichen Ebene gelöst.

Offenbar funktioniert das auch mit komplexen Problemen.


Dass Mathematikern in Träumen Lösungen für irgendwelche im Wachen unlösbaren Probleme mitgeteilt werden, und zwar ebenfalls vor allem in Form von Bildern und Symbolen, wertet McCarthy als Hinweis darauf, dass das Unbewusste offenbar sogar des Rechnens fähig ist. Das Unbewusste rechnet. Aber es rechnet nicht mit Zahlen.


Das is erstaunlich als auch in gewisser Weise auch naheliegend, denn, wie McCarthy hervorhebt, das Unbewusste ist – evolutionär, im Hinblick auf die Geschichte der Gattung, als auch individuell – sehr viel älter als das bewusste, sprachliche Denken. Die Sprache ist nur der Überbau für das eigentliche Denken, das dem sprachlichen Ausdruck vorausgeht.


Demnach geht unser Unbewusstes aus einem mit anderen Säugetieren geteilten, gemeinsamen Erbe hervor:


»Das Unbewusste ist eine Maschine zum Betreiben eines Tieres.«

McCarthy zufolge konnte das Unbewusste nie in Worten kommunizieren, also tut es das auch heute nicht. Und es misstraut der Sprache. Sprache ist für das Unbewusste, wie McCarthy es sieht, eine junge, eher störende Erfindung und eine Ablenkung vom Wesentlichen. Worte sind demnach nicht das eigentliche Medium des Denkens; vielmehr komprimieren sie den Denkprozess in handhabbare Päckchen. Sprache ist aus dieser Perspektive betrachtet deshalb in erster Linie ein Mittel der Komplexitätsreduktion: es geht um die Vereinfachung von Phänomenen, die in Wirklichkeit unendlich reichhaltig sind. Die Psychoanalyse kennt diesbezüglich das Konzept der Nachträglichkeit, das ein sehr ähnliches Phänomen beschreibt.


Das Unbewusste versucht uns mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln etwas begreiflich zu machen und eine Erkenntnis in Szene zu setzen. Wenn wir es nicht begreifen, wird es immer wieder von Neuem versuchen, einen uns verständlicheren Ausdruck zu finden. McCarthy schreibt:


»Jeder kennt wiederkehrende Träume. Dabei kann man sich das Unbewusste wirklich als mehrstimmig vorstellen: Er versteht’s nicht, oder? Nein. Er ist ziemlich stur. Was möchtest du machen? Ich weiß nicht. Willst du’s mit seiner Mutter versuchen? Seine Mutter ist tot. Macht’s einen Unterschied?«

Dabei sind die vom Unbewussten bereitgestellten Bilder informationsreicher als etwaige sprachliche Formen.


In einer psychoanalytischen Therapie kann das Ziel daher auch nicht darin bestehen, sprachliche Klarheit herzustellen, sondern es besteht darin, im Gegenüber eine unbewusste Dynamik auszulösen, die es ihm ermöglicht, besser und wirkungsvoller über seine jeweilige Lebenssituation nachzudenken. Wenn das in der therapeutischen Situation klappt, erfährt man, genauso wie Kekulé es tat, ein Aha-Erlebnis oder eine emotionale Reaktion, die etwas Neues hervorbringt.


Quellen:


McCarthy, Cormac, Die Abendröte im Westen, Rowohlt, Reinbek 2016.


McCarthy, Cormac, The Kekulé Problem https://nautil.us/the-kekul-problem-236574/




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