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Ich denke über Paranoia nach. Dabei versuche ich mich an den Namen dieses Arztes zu erinnern, der die Medizingeschichte wie kaum ein anderer veränderte und der an seiner Entdeckung zugrunde ging. Während ich versuche, mich zu erinnern, kommt mir erst der Name »Adam Weishaupt« in den Sinn: Adam Weishaupt, das war der Begründer der Illuminaten. Um die Illuminaten ranken sich bekanntlich unzählige Verschwörungstheorien. Vor einigen Jahren kannte ich jemanden, der fest davon überzeugt war, dass die Illuminaten die eigentlichen Herrscher der Welt seien. Dann erst fällt mir der Name ein, den ich eigentlich suchte: Ignaz Semmelweis! [1] Dabei ist es kein Zufall, dass mir zuerst Weishaupt einfiel. Die beiden Namen eint nicht nur das »weis«, sondern sie stehen auch auf ihre je eigene Art und Weise mit dem paranoiden Denken in Verbindung, einem Denken also, das zwischen Gewissheit und verfolgender Heimsuchung schwankt.


Semmelweis’ Tragik und Größe liegen in diesem Schwanken begründet. Es kann fruchtbar sein, die Paranoia als einen Denkstil aufzufassen, der einem in mehr oder weniger ausgeprägtem Maße eigen sein kann. Denn es geht bei diesem Denkstil um Sinnbildung, um Kausalitätsannahmen und um Schwierigkeiten damit, Zufälle oder nicht in das jeweilige Gedankengebäude passende Kausalstrukturen zu akzeptieren. Für jemanden, der paranoid denkt, gilt dann etwa: Wenn etwas passiert, muss jemand daran schuld sein und wenn niemand bereit ist, das zu sehen, dann muss ich es sagen – denn wer tut es sonst?


Das ist im Grunde genommen eine sehr natürliche Weise des kognitiven Verarbeitens. In den meisten nicht-modernen Gesellschaften war es so zum Beispiel allgemeiner Konsens, dass eine Krankheit oder ein Unglück einen nicht einfach erfasst, sondern dass sie willentlich von einem Akteur verursacht worden sein muss. Heute ist eine derartige Denkweise als Aberglaube verbrämt. Erst in der Moderne haben wir uns langsam daran gewöhnt, nicht mehr davon auszugehen, dass hinter jedem Todesfall ein böser Wille steht. Und doch liegt das paranoide Denken, das sich in unbequeme Wahrheiten verbeißt, manchmal auch richtig.


Semmelweis’ Denken ist ein gutes Beispiel dafür. Dabei muss man sich den historischen und soziokulturellen Kontext seines Denkens und Arbeitens vor Augen führen. Die Situation: In der Wiener Gebärklinik sterben Frauen wie am Fließband. Man nennt es Kindbettfieber. Wir befinden uns in einer Zeit, in der die Gebärkliniken von Laien und Ärzten und sogar in offiziellen Dokumenten als »Mördergruben« bezeichnet werden [2].


Es ist ein sinnloses und alltägliches Massensterben, dessen Zeuge Semmelweis wird. Von seinen Kollegen kommt Schulterzucken, denn es war ja schon immer so. Semmelweis kann nicht wegschauen. Er vertieft sich in seine Studien und beobachtet genau, was in der Klinik passiert; er protokolliert, vergleicht und zählt, bis er den springenden Gedanken fasst, der ihn nicht mehr loslässt: Es muss etwas geben, das wir von den Leichen zu den Frauen tragen.


Hans Magnus Enzensberger beschert Semmelweis in einem seiner Mausoleums-Gedichte eine anschauliche und weitgehend historisch akkurate Hommage, wobei sich einige dieser Passagen wortwörtlich in Schriften von und Zeugnissen über Semmelweis finden [3]:


es ist der gefettete Finger, die innre,

kadaveröse, touchierende Hand, ja,

die Hand des Arztes ist es, die tötet!

Eine einzige Unze Chlorkalk genügt,

eine Unze nur auf einen Eimer Wasser,

dann hat der Giftmord ein Ende.

Öfters blickte er seine auffallend

fleischigen und geschickten Hände an,

brach in Thränen aus und sah sich,

seiner selbst nicht länger mächtig,

genöthigt, die Vorlesung abzubrechen.

Kommissionen treten zusammen,

finden nichts. Jemand lacht.

Die herrschende Lehrmeinung herrscht.

In der Klinik wird weitergestorben.

Die Waffen der Mafiosi sind septisch:

das ölige Gutachten und das dürre Reskript,

die gefälschte Statistik, das stumpfe,

lähmende Schweigen. An diesem Massacre

sind Sie, Herr Hofrath, betheiligt!

So, durch die Feindschaften, die er fand,

auf das höchste erregt, schreibt er

verworren, ausfallend, unbeholfen,

schweift ab, wiederholt sich,

dreht sich im Kreise: Das Morden,

schreibt er, muß aufhören,

und damit das Morden aufhöre,

werde ich Wache halten. Mörder,

schreibt er (An alle Geburtshelfer!),

nenne ich einen Jeden, der

gegen meine Regeln verstößt,

denn er handelt als ein Verbrecher.

Überall sieht er Spitzel, Phantome.

Seine Freunde erkennen ihn nicht.

Er wird aus Kummer fettleibig, wirkt

entstellt. [..]

Auf den Straßen von Budapest

schlägt er Plakate an:

Ich warne Euch vor den Ärzten!

Es ist zwei Uhr nachmittags.

Eine Meute von Feinden verfolgt ihn.

Er sieht sie deutlich, schwarz

wie die Fliegen, in ihren Gehröcken,

und er flieht in die Anatomie.

Auf dem Marmorblock eine Leiche.

Er ergreift das Skalpell, trennt

den Kadaver auf, wirft mit Fleisch,

wühlt in den Eingeweiden, droht,

schneidet sich, man entwaffnet ihn,

er stirbt nach drei Wochen der Agonie.

Aber so war es nicht. Das sind Träume,

Übertreibungen! In Wirklichkeit

war es ein schöner, friedlicher Sonntag

im Juli, und er fuhr freiwillig mit.

Erst gegen Abend wehrte er sich.

Sechs Wärter waren kaum genug,

ihn zu bändigen. Zwangsjacke,

Dunkelkammer. Die septische Wunde

am Mittelfinger wurde zu spät bemerkt.

Eine Blutvergiftung: So hat er den Sieg

seiner Lehre nicht mehr erlebt.


Semmelweis fixiert sich auf seine Lehre, erhebt sie zur unumstößlichen Wahrheit, alles ordnet sich der monokausalen Erklärung unter. »Nicht meiner Meinung zu sein, ist gleichbedeutend mit ein Mörder zu sein!« [4] Seine Aussagen führen in der Ärzteschaft statt zu Nachdenklichkeit zu Empörung und Zorn. Wer will schon Blut an den Händen haben? Er ist also verrückt, er muss verrückt sein! So wuschen seine Kollegen ihre Hände in Unschuld, gerade indem sie es nicht taten.


Denn wie ließe sich leben mit dieser Schuld? Mit seinem vehementen Vorgehen vertrieb Semmelweis vermutlich nicht nur seine Zweifel (wer zweifelt, macht sich des Mordes mitschuldig), sondern auch seine Schuldgefühle, ebenfalls Blut an den Händen zu haben, hatte er doch ebenfalls eine Vergangenheit als »Arzt und Menschenfreund« in der Geburtshilfe (»Da konnte der Arzt sich als Künstler betätigen, da gab es sichtbare Erfolge! Aber ach wie oft mußte er es mit ansehen, wie die Mütter, deren Leben er durch eine Operation gerettet hatte, nachträglich an Kindbettfieber elendiglich zugrunde gingen! « [5]).


Paranoia entsteht in bestimmten Atmosphären; wie die meisten psychischen Phänomene erwächst sie aus Wechselwirkungen zwischen dem Individuum und seiner sozialen Umwelt. Die medizinische Zunft wies Semmelweis wegen seiner Angriffe und Schuldzuweisungen, vielleicht auch aufgrund typischer institutioneller Verknöcherungen zurück. Semmelweis wird zunehmend zur persona non grata. Er fühlt sich ins Abseits gedrängt und reagiert darauf mit der Gewissheit, dass andere absichtlich nicht sehen wollen, was er zu sehen imstande ist. Ein Eingeständnis, dass es auch anders sein könnte, hätte für ihn nichts anderes bedeutet als dass all diese Frauen grundlos gestorben waren.


Es ist anzunehmen, dass er auf einer gewissen Ebene wusste, dass seine Beharrlichkeit ihm seine Karriere kosten würde, seine Identität als anerkannter und aufstrebender Arzt – er war 47, als er starb –, ferner das, wofür er lebte. Das ist kein kleines Opfer. Die paranoide Verarbeitung ermöglichte es ihm, von dieser Gefahr abzusehen und kompromisslos auf seiner Entdeckung zu beharren.


Die psychoanalytische Grundvorstellung besteht darin, dass die Paranoia ein Abwehrmechanismus ist, durch den innere Konflikte in die Umwelt verlagert werden: Ein unerträglicher Wunsch, ein unannehmbarer Gedanke, Hass, Zweifel, Angst, werden so im Außen verortet. Statt einem selbst sind es die anderen, die zweifeln, hassen, begehren, fürchten etc. Die äußere Welt wird zum Träger innerer Konflikte.


Am Ende zerbricht Semmelweis. Er stirbt in psychiatrischer Verwahrung. Es ist nicht abschließend geklärt, ob an einer organischen Erkrankung, an Gewalteinwirkung, oder an psychischer Dekompensation. Der offizielle Eintrag zur Todesursache Semmelweis’ laut »Niederösterreichischer Landes-Irrenanstalt« lautet: »Gestorben am 13. VIII. 1865 an Gehirnlähmung.« [6]


Kleine Kinder erleben die Welt als in »gut« und »schlecht« unterteilt. Sie spalten jene inneren Impulse, die ihnen Angst bereiten ab und projizieren das Schlechte nach außen. Man könnte nun sagen, dass Semmelweis auf diese Weise funktionierte. Man könnte aber auch sagen, dass seine Gegner auf diese Weise funktionierten, indem sie Semmelweis’ Theorien vehement ablehnten. In jedem Fall hat seine Tragik mit der Unfähigkeit seiner selbst und seiner Mitmenschen zu tun, mit Ambivalenz und Schuld umzugehen.


Die paranoide Verarbeitung steht in einer engen Verbindung mit dem Wissen. Man weiß in diesem Seinsmodus, wer richtig und wer falsch liegt und wer die Übeltäter sind (es sind die anderen, einen selbst trifft keine Schuld). Man versucht also, die Wahrheit durchzusetzen. Wie Darian Leader schreibt, hat Paranoia weniger mit einer einzelnen bestimmten Idee, als mit der Festigkeit und Rigidität dieser Idee zu tun. [6] Menschen glauben und denken alles mögliche. Man kann nicht einfach sagen: »Der hat aber eine ausgefallene Vorstellung von der Welt, der muss paranoid sein!« Vielmehr geht es um die Art und Weise, wie die betroffene Person sich zu dieser Vorstellung verhält. Für jemanden, der in diesem Modus unterwegs ist, muss in gewisser Weise alles in Großbuchstaben geschrieben werden. Es muss so sein, weil diese Vorstellung die Welt des Betroffenen zusammenhält.


Ignaz Semmelweis war ein Mensch, der die Wahrheit sah, bevor die Welt bereit dazu war, diese Wahrheit auszuhalten. Damit geht eine beunruhigende Erkenntnis einher: Denn das bedeutet, dass der Paranoide potentiell etwas sehen kann, das andere nicht zu sehen vermögen; es bedeutet, dass der Wahnsinn der Wirklichkeit in manchen Fällen näher steht als es das vernünftig-normale Denken wahrhaben möchte.


[1] Ich bin auf Semmelweis als Paranoiker über das Buch What is Madness? von Darian Leader gestoßen: Leader, Darian, What is Madness? Penguin Books, 2012.

[2] Waldheim, Fritz Schürer von. Ignaz Philipp Semmelweis, Sein Leben und Wirken. Urteile der Mit- und Nachwelt. A. Hartleben’s Verlag Wien, Leipzig 1905, S. 130.

[3] Enzensberger, Hans-Magnus, Mausoleum, Siebenunddreißig Balladen aus der Geschichte des Fortschritts, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1975, S. 34 f.

[4] Waldheim, Fritz Schürer von. Ignaz Philipp Semmelweis, Sein Leben und Wirken. Urteile der Mit- und Nachwelt. A. Hartleben’s Verlag Wien, Leipzig 1905, S. 177.

[5] ebd., S. 9.

[6] ebd. S. 222.

[7] Leader, Darian, What is Madness? Penguin Books, 2012.

Aktualisiert: 12. Feb.

John Coltrane sagte einmal:

»You can play a shoestring, if you’re sincere«.

Die Idee ist also, dass man sein Leben gut leben kann, wenn man versucht, es aufrichtig zu leben. Dabei wäre es falsch, diesen Anspruch auf irgendwelche Moralismen zu reduzieren. Das Moralisieren führt zu denkbar wenig. Vielmehr hat dieser mit der Chance zu tun, etwas über sich in Erfahrung zu bringen – darüber, was man wirklich fühlt und denkt –, und damit etwas zu machen.


Wie das Coltrane-Zitat nahelegt, geht es dabei nicht um Meisterschaft. Eher verknüpft sich Aufrichtigkeit mit dem Finden des eigenen Stils. Wenn Sie Ihren Stil gefunden haben, ergibt es wenig Sinn, zum nächsten Kritiker, Richter oder Juroren zu laufen, um nach einem Urteil zu fragen. Man könnte Ihnen nur bescheinigen, dass Ihr Stil nach diesen oder jenen – ästhetischen, moralischen, religiösen oder politischen – Kriterien gut oder schlecht, achtenswert oder verdammenswert ist. Von diesen Instanzen irgendwelche Antworten zu erhoffen, hieße nur, noch nicht ganz erfasst zu haben, was es bedeutet, zu einem Stil gefunden zu haben.


Der eigene Stil hat mit einer Wahrhaftigkeit zu tun, die nicht mit objektiver Wahrheit verwechselt werden sollte. Es ist gut möglich und sogar wahrscheinlich, dass wir nie zur Wahrheit finden, aber wir können versuchen, uns selbst gegenüber aufrichtig zu sein, zu einem Ton zu finden, der sich richtig anfühlt.


Der Psychoanalytiker Christopher Bollas spricht vom Idiolekt des Charakters, den es zu bewahren und pflegen gilt: Im linguistischen Sinn besteht der Idiolekt aus der je spezifischen Sprechweise, dem Ausdrucksvermögen und dem Wortschatz des Individuums; in ähnlicher Weise können wir einen Idiolekt des eigenen Lebens annehmen, der etwas zutiefst eigenes, vielleicht sogar wesentlich nicht-intelligibles darstellt und zugleich nach einem Ausdruck sucht. Es hat seinen Preis, diesen Idiolekt zu ignorieren.


Dergestalt hat das Bemühen um Aufrichtigkeit auch nichts mit irgendwelchen Wahrheitsansprüchen zu tun. Es ist nicht zu verwechseln mit Gewissheit oder mit dem Gefühl, die Wahrheit für sich gepachtet zu haben – das wäre einfach nur Kritikresistenz, Unreife, oder das, was psychoanalytisch als Mentalisierungsstörung bezeichnet wird, als die Unfähigkeit, in Rechnung zu stellen, dass die eigenen Gedanken, Gefühle, Theorien etc., zuallererst genau das sind: Gedanken, Gefühle, Theorien – und nicht die Realität.


Nietzsche bedauerte, in jungen Jahren die Sprache seiner Vorbilder nachgeahmt und seiner eigenen Sprache beraubt gewesen zu sein. Es ist diese Art von Entfremdung, die potentiell ins Verderben führt. Das ist auch der eigentliche – im Mord mündende – Wahnsinn des überreizten und ideologisch einzementierten Raskolnikow in Dostojewskis Verbrechen und Strafe.


Dostojewski lässt Rasumichin, der zugleich ein treuer Freund als auch spiegelbildlicher Gegenpol Raskolnikows ist, alles Wesentliche dazu sagen:


»Denken Sie vielleicht, ich rege mich darüber auf, dass sie Unsinn reden? Mir gefällt es, wenn Unsinn geredet wird! Unsinn reden – das ist doch das einzige Privilegium des Menschen vor allen anderen Lebewesen. Du redest Unsinn – und kommst schließlich zur Wahrheit! Ich rede Unsinn, also bin ich ein Mensch. Wir haben uns noch nie zu einer Wahrheit durchgerungen, ohne vorher mindestens vierzehnmal Unsinn zu reden, vielleicht sogar hundertvierzehnmal, und das ist auf seine Weise durchaus ehrenhaft! Aber unser Grips reicht nicht, um originell Unsinn zu reden! Du darfst durchaus Unsinn reden, aber auf deine höchstpersönliche Art und Weise, und dafür kriegst du einen Kuß von mir. Auf höchstpersönliche Art und Weise Unsinn zu reden – das ist beinahe mehr wert, als ausschließlich fremde Wahrheiten nachzuplappern; im ersten Fall bist du ein Mensch, im zweiten nur ein Papagei! Die Wahrheit läuft einem nicht davon, aber das Leben kann man zunageln; dafür gibt es genug Beispiele.«

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Manchmal hört man, dass Träume Schäume seien. Sicher ist, dass viele Menschen ihren Träumen keine Beachtung schenken. Im Alltag ist es leicht, sich nicht mit ihnen aufzuhalten. Weder widmet man ihnen Aufmerksamkeit, noch betrachtet man sie als ein Geschenk, das es auszupacken gilt. Stattdessen erstickt man ihre Vergegenwärtigung im Getümmel des Alltags.


Aus wissenschaftlicher Perspektive ist die Einschätzung, dass Träume bedeutungslos seien, längst nicht mehr haltbar.


Die moderne Traumforschung, die sich aus den Ergebnissen der Neurowissenschaften, der Psychologie, der Philosophie des Geistes und der Psychoanalyse speist, zeigt vielmehr, dass Träume ein hochorganisiertes, affektiv aufgeladenes und subjektiv sinnvolles Phänomen darstellen. Die Frage ist daher weniger, ob Träume Schäume sind, sondern vielmehr, was Träume über das Wesen des Bewusstseins und des Unbewussten verraten.


Lange Zeit dominierte in den Neurowissenschaften die von Allan Hobson vertretene Aktivierungs-Synthese-Hypothese. Diesem Modell zufolge entstehen Träume primär durch zufälliges, hirnstammvermitteltes neuronales Feuern im REM-Schlaf, das vom Kortex nachträglich zu scheinbar sinnhaften Narrativen »synthetisiert« wird. Bedeutung, Intentionalität oder psychologischer Gehalt der Träume seien demnach oberflächliche Phänomene ohne funktionale Tiefe. Diese Position hatte großen Einfluss, nicht zuletzt weil sie gut mit einem streng bottom-up-orientierten, mechanistischen Gehirnverständnis – wie es von der behavioristischen Psychologie eingefordert wurde –, harmonierte und psychoanalytische Traumtheorien explizit zurückwies.


Gegen diese Auffassung hat sich insbesondere Mark Solms profiliert, der sowohl Neurowissenschaftler als auch Psychoanalytiker ist. Solms konnte anhand neuropsychologischer Läsionsstudien nachweisen, dass das Träumen nicht primär vom REM-Schlaf abhängt, sondern von dopaminergen, mesolimbischen Netzwerken, die mit Motivation, Emotion und Zielgerichtetheit verbunden sind. Patienten mit Läsionen im Hirnstamm können weiterhin träumen, während Läsionen im ventromesialen Frontallappen das Träumen zum Erliegen bringen – selbst bei intaktem REM-Schlaf. Damit wurde Hobsons These eines rein zufälligen Aktivierungsprozesses empirisch widerlegt.


Hobson selbst hat seine Theorie – auf der letzten Endes seine gesamte Karriere fußte –, aufgrund derartiger Erkenntnisse stark relativiert. Träume sind aus dieser Perspektive betrachtet nicht einfach nur Abfallprodukte neuronaler Aktivität, sondern Ausdruck eines affektiv aufgeladenen Bewusstseins, in dem Wünsche, Sorgen und existenzielle Themen symbolisch verarbeitet werden. Dass Solms hier explizit an psychoanalytische Konzepte anschließt, bedeutet nicht eine Rückkehr zu spekulativer Metapsychologie, sondern eine empirisch informierte Revision derselben.

Eine wichtige Brücke zwischen affektiver Neurobiologie und Traumtheorie schlägt Jaak Panksepp. Seine Arbeiten zu evolutionär alten, subkortikalen Emotionssystemen – Systeme, die er mit Großbuchstaben, z. B. SEEKING, FEAR und CARE benennt – zeigen, dass Affekte nicht bloß kognitive Bewertungen sind, sondern dass sie das bewusste Erleben organisieren.


Träume sind in diesem Licht keine Überreste unsauberer kognitiver Arbeit, vielmehr manifestieren sich in diesen die grundlegenden Affektsysteme. Ermöglicht wird dies durch einen Zustand reduzierter sensorischer Beschränkung, sprich, durch das Wegfallen der unmittelbaren Einschränkungen durch die Außenwelt. Besonders das dopaminerge SEEKING-System, das mit Neugier, Erwartung und motivationaler Spannung verbunden ist und früher irreführenderweise als Belohnungssystem bezeichnet wurde, spielt nach Panksepp eine zentrale Rolle im Traumgeschehen.


Träume erscheinen so als affektiv strukturierte Simulationen, in denen das Gehirn ohne äußeren Zwang emotional hoch bedeutsame Szenarien generiert. Träume sind Experimente unter veränderten Bewusstseinszuständen, wodurch diese neue Perspektiven auf die Wirklichkeit zutage fördern können. Der Traumforscher Robert Stickgold hat Träume mit »riskanten Investments« verglichen, die manchmal zu nichts führen, andere Male dafür aber Gewinne in Form höchst bedeutsamer Erkenntnisse nach sich ziehen. Dabei geht es wohlgemerkt weniger um Problemlösung als um die persönliche Signifikanz des Traums für den Träumenden.


Gerade weil das Bewusstsein während des Träumens in stark verringerter Form durch äußere Einflüsse beschränkt wird,ermöglicht das Traumbewusstsein einen direkten Einblick in die affektive, motivationale und selbstbezogene Organisation des Gehirns.


Quellen:


Hobson, Allan J., Dreaming: A Very Short Introduction, Routledge, Oxford, New York 2002.


Hobson, Allan J., Tranquillo, Nicholas (Hg.) Dream Consciousness. Allan Hobson’s New Approach to the Brain and Its Mind, Springer, Cham, Heidelberg New York, Dordrecht, London 2014.


Kaplan-Solms, Karen, Solms, Mark, Neuro-Psychoanalyse, Eine Einführung mit Fallstudien, Klett-Cotta, Stuttgart 2003.


Robb, Alice, Why We Dream, Houghton Mifflin Harcourt Publishing Company, New York 2018.


Solms, Mark, The Hidden Spring, A Journey to the Source of Consciousness, w. W. Norton and Company, New York 2021.


Zadra, Antonio, Stickgold, Robert, When Brains Dream, Exploring the Science and Mystery of Sleep, W. W. Norton & Company, New York 2021.



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