top of page

Psychoanalytische Behandlungsformen postulieren die Existenz des Unbewussten. Lange handelte es sich um ein umstrittenes Konzept. Inzwischen gilt es als erwiesen, dass unsere Denkprozesse großteils unbewusst ablaufen und es diese verborgenen Denkprozesse sind, die unsere bewussten Wahrnehmungen, Gedanken und Handlungen hervorbringen (vgl. Lakoff 1999, S. 18-21).


Das Unbewusste ist von neurobiologischen Phänomenen wie der Serotoninausschüttung zu unterscheiden, da diese Phänomene nicht – wie unbewusste Gedanken oder Verhaltensmuster – bewusstseinsfähig werden können (Northoff 2012, S. 269). Eher können wir uns das Unbewusste als eine Ansammlung von interpersonellen Beziehungserfahrungen, Gefühlen und Selbstzuständen vorstellen, die zwar auf unser Leben einwirken, jedoch im Alltag nicht zu Bewusstsein kommen dürfen, da die bewusste Auseinandersetzung mit diesen Erfahrungen, Gedanken und Beziehungserlebnissen uns schnell aus dem Gleichgewicht bringen könnte (Ginot 2015, S. 42). So ein Gleichgewichtsverlust wirkt bedrohlich, nicht selten ist er aber auch die Voraussetzung dafür, dass sich ein neues Gleichgewicht einzupendeln vermag.


Unsere biologische Grundausstattung ist allerdings so angelegt, dass es schwierig ist, ein einmal etabliertes Gleichgewicht zu verändern; und zwar auch dann, wenn wir dieses als störend oder psychisch belastend erleben. Doch das Unbewusste stellt nicht nur altbekannte Muster zur Verfügung, es ist auch der Sitz unserer Kreativität, der Ort, von dem aus Neues entstehen kann.


Damit lässt es sich therapeutisch arbeiten: Es ist das Unbewusste, das psychisches Leid so langwierig und schwer behandelbar macht, es ist aber auch das Unbewusste, das es uns ermöglicht, dieses Leid schöpferisch zu beeinflussen und gegebenenfalls zu bewältigen.


Quellen

Ginot, Efrat, The Neuropsychology of the Unconscious, W. W. Norton & Company, New York, London 2015.

Lakoff, George, Johnson, Mark, Philosophy in the Flesh, The Embodied Mind and its Challenge to Western Thought, Basic Books, New York 1999.

Northoff, Georg, What is the unconscious? A novel taxonomy of psychoanalytic, psychological, neuroscientific, and philosophical concepts, in: Fotopoulou, Aikaterini, Pfaff, Donald, Conway, Martin A. (Hg.) From the Couch to the Lab. Trends in Psychodynamic Neuroscience, Oxford University Press, Oxford, New York 2012.

Schon Karl Kraus hat es gewusst: Die Diagnose ist eine der verbreitetsten Krankheiten. Das trifft auch auf die psychiatrische und psychologische Diagnostik zu.


Es passiert schnell, die Diagnose mit der Ursache zu verwechseln.


Nehmen wir an, ein Mann leidet unter unspezifischen Ängsten. Die Sache scheint klar, ihm wird das Etikett »Angststörung« verpasst. Wir sagen ihm also: »Sie suchen Antworten? Schlagen Sie es nach, im diagnostischen Leitfaden für psychiatrische Störungen, die Antwort lautet F41.1, die Identifikationsnummer für die generalisierte Angststörung«.


Natürlich kann man das tun, aber es hilft niemandem weiter, wenn wir herausfinden wollen, was denn nun eigentlich wirklich mit seiner Angst auf sich hat.


Die Diagnose ist ein Stoppschild für das Denken.


»Er hat Ängste, weil er eine Angststörung hat!«.


Nein. Das ist ein zirkulärer Fehlschluss: Wir wissen nicht, weshalb der Patient Angst hat und werden es nie erfahren, solange wir davon absehen, gemeinsam mit ihm die Gründe dafür zu erkunden.


Eine Diagnose ist immer nur eine Beschreibung einer Reihe mehr oder weniger offensichtlicher Symptome. Sie sagt nichts darüber aus, worin die Ursachen dieser Symptome bestehen oder welche Bedeutung sie für das Leben der Patienten haben.


Starre Kategorien verleiten uns dazu, nicht das Individuum, sondern nur die jeweilige Kategorie wahrzunehmen. Das führt wiederum dazu, dass das, was nicht passt, passend gemacht wird: Es wird übersehen, was nicht in die vorgesehenen Schemata passt. Menschen werden auf diese Weise festgeschrieben. So ist beispielsweise erwiesen, dass klinisch arbeitende Menschen sich pessimistischer über die Zukunft von Patienten äußern, wenn diese ihnen anhand einer Diagnose statt einer tiefergehenden Beschreibung vorgestellt werden.


Der Autor und Neurologe Oliver Sacks hat einmal Bedauern darüber geäußert, dass die aus der Psychoanalyse stammende Kunst, dichte Fall- und Patientengeschichten zu schreiben, mit dem DSM (dem US-amerikanischen Diagnosemanual, dessen Pendant bei uns der sogenannte ICD ist) verloren gegangen sei. Sacks zufolge habe dies auch fatale Auswirkungen auf die Forschung gehabt, da seitdem alles nur noch mithilfe standardisierter Kriterienkataloge abgehandelt wird.


Durch solche Entwicklungen geraten detaillierte Beobachtungen und damit auch Abweichungen von den normierten Diagnosekatalogen aus dem Blick. Gerade die Details sind es aber, die uns als Individuen ausmachen. Natürlich kann ein vorsichtiger Umgang mit diagnostischen Klassifizierungen dabei helfen, Hypothesen aufzustellen – am Ende gibt es aber nur Einzelfälle.


Wenn es um die Psyche geht, ist es das Singuläre, mit dem wir uns beschäftigen müssen.


Quellen:


Karl Kraus. Aphorismen und Gedichte. Volk und Welt. Berlin 1984.


Sacks, Oliver, Der Strom des Bewusstseins, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2017.


Shedler, Jonathan, As Psychiatric Diagnosis is Not A Disease. Doublethink makes for Bad Treatment. https://www.psychologytoday.com/us/blog/psychologically-minded/201907/psychiatric-diagnosis-is-not-disease





Psychodynamische Psychotherapien, darunter auch die psychoanalytisch orientierte Psychotherapie, sind heute State-of-the-art-Verfahren zur Bewältigung und Behandlung psychischer Probleme.


Die psychoanalytisch orientierte Psychotherapie ist laut Studien so wirksam wie die Methoden anderer Schulen (Steinert et al. 2017), bringt darüber hinaus jedoch anhaltende Vorteile: Im Vergleich zur kognitiven Verhaltenstherapie gibt es so etwa Hinweise darauf, dass die positiven Effekte von psychodynamischen und psychoanalytischen Therapien bei weitgehend gleicher Effektivität auch noch mehrere Jahre nach Behandlungsende fortdauern (Huber 2012).


Kurz: psychodynamische Therapien sind evidenzbasiert.


Unabhängig von einzelnen Schulen sind Psychotherapien bemerkenswert wirksam: In der psychiatrischen Forschung gelten Effektgrößen von 0,8 als hoch, 0,5 moderat und 0,2 gering. Umfangreiche Metaanalysen zu Psychotherapie-Wirkungsstudien haben gezeigt, dass die Effektgrößen von Psychotherapie zwischen 0,73 und 0,85 liegen (Solms 2018). Eine Metaanalyse für psychoanalytische Psychotherapie kam auf eine durchschnittliche Effektgröße von 0,97 (Abbass et al. 2006). Zum Vergleich: Antidepressive Medikamente (wie SSRIs) haben eine durchschnittliche Effektstärke von 0,31. (Solms 2018)


Heute ist die psychoanalytisch orientierte Psychotherapie eine evidenzbasierte Behandlungsform für ein breites Spektrum psychischer Beschwerden. Wissenschaftliche Studien weisen darauf hin, dass das psychoanalytisch orientierte Verfahren gleichermaßen effizient wie nachhaltig ist.


Quellen:


Abbass, AA., Hancock, JT., Henderson, J., et al (2006) Short-term psychodynamic psychotherapies for common mental disorders. Cochrane Database of Systematic Reviews, 4: CD004687.

Huber, Dorothea, et al. “Comparison of Cognitive-Behaviour Therapy with Psychoanalytic and Psychodynamic Therapy for Depressed Patients — A Three-Year Follow-up Study.” Zeitschrift Für Psychosomatische Medizin Und Psychotherapie, vol. 58, no. 3, 2012, pp. 299–316. JSTOR, www.jstor.org/stable/23871519. Accessed 16 Jan. 2020.


Shedler J. (2010). The efficacy of psychodynamic psychotherapy. Am. Psychol. 65, 98–109. 10.1037/a0018378


Solms, M. L. (2018). The neurobiological underpinnings of psychoanalytic theory and therapy. Frontiers in Behavioral Neuroscience, 12, Article 294. https://doi.org/10.3389/fnbeh.2018.00294


Steinert C., Munder T., Rabung S., Hoyer J., Leichsenring F. (2017). Psychodynamic therapy: as efficacious as other empirically supported treatments? a meta-analysis testing equivalence of outcomes. Am. J. Psychiatry 174, 943–953. 10.1176/appi.ajp.2017.17010057

bottom of page