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Ist psychoanalytisch orientierte Psychotherapie (POP) evidenzbasiert?

Psychodynamische Psychotherapien, darunter auch die psychoanalytisch orientierte Psychotherapie, sind heute State-of-the-art-Verfahren zur Bewältigung und Behandlung psychischer Probleme.


Die psychoanalytisch orientierte Psychotherapie ist laut Studien so wirksam wie die Methoden anderer Schulen (Steinert et al. 2017), bringt darüber hinaus jedoch anhaltende Vorteile: Im Vergleich zur kognitiven Verhaltenstherapie gibt es so etwa Hinweise darauf, dass die positiven Effekte von psychodynamischen und psychoanalytischen Therapien bei weitgehend gleicher Effektivität auch noch mehrere Jahre nach Behandlungsende fortdauern (Huber 2012).


Kurz: psychodynamische Therapien sind evidenzbasiert. Das hat sich leider noch nicht überall herumgesprochen. Dafür gibt es mehrere Gründe:


1) Die Verhaltenstherapie hat einen Platzhirsch-Anspruch innerhalb der Therapieschulen eingenommen, nachdem die psychologische Forschung sich jahrzehntelang vor allem auf die Erforschung verhaltenstherapeutischer Methoden konzentriert hat.

2) Die psychoanalytischen Kliniker haben die wissenschaftliche Erforschung ihrer eigenen Methode lange vernachlässigt. Erst in den letzten Jahren wurde dieses Versäumnis aufgeholt.

3) Immer noch beeinflussen veraltete und klischeebeladene Annahmen darüber, wie eine psychoanalytische Behandlung ausschaut die öffentliche Wahrnehmung der psychoanalytischen Therapie. Das zeigt sich auch an überholten Freud-Kritiken, die dennoch immer wieder bemüht werden.


Die Wirksamkeit von Psychotherapie und psychoanalytisch orientierter Psychotherapie


Unabhängig von einzelnen Schulen sind Psychotherapien bemerkenswert wirksam: In der psychiatrischen Forschung gelten Effektgrößen von 0,8 als hoch, 0,5 moderat und 0,2 gering. Umfangreiche Metaanalysen zu Psychotherapie-Wirkungsstudien haben gezeigt, dass die Effektgrößen von Psychotherapie zwischen 0,73 und 0,85 liegen (Solms 2018). Eine Metaanalyse für psychoanalytische Psychotherapie kam auf eine durchschnittliche Effektgröße von 0,97 (Abbass et al. 2006). Zum Vergleich: Antidepressive Medikamente (wie SSRIs) haben eine durchschnittliche Effektstärke von 0,31. (Solms 2018)


Heute ist die psychoanalytisch orientierte Psychotherapie eine evidenzbasierte Behandlungsform für ein breites Spektrum psychischer Beschwerden. Wissenschaftliche Studien weisen darauf hin, dass das psychoanalytisch orientierte Verfahren gleichermaßen effizient wie nachhaltig ist.


Quellen:


Abbass, AA., Hancock, JT., Henderson, J., et al (2006) Short-term psychodynamic psychotherapies for common mental disorders. Cochrane Database of Systematic Reviews, 4: CD004687.

Huber, Dorothea, et al. “Comparison of Cognitive-Behaviour Therapy with Psychoanalytic and Psychodynamic Therapy for Depressed Patients — A Three-Year Follow-up Study.” Zeitschrift Für Psychosomatische Medizin Und Psychotherapie, vol. 58, no. 3, 2012, pp. 299–316. JSTOR, www.jstor.org/stable/23871519. Accessed 16 Jan. 2020.


Shedler J. (2010). The efficacy of psychodynamic psychotherapy. Am. Psychol. 65, 98–109. 10.1037/a0018378


Solms, M. L. (2018). The neurobiological underpinnings of psychoanalytic theory and therapy. Frontiers in Behavioral Neuroscience, 12, Article 294. https://doi.org/10.3389/fnbeh.2018.00294


Steinert C., Munder T., Rabung S., Hoyer J., Leichsenring F. (2017). Psychodynamic therapy: as efficacious as other empirically supported treatments? a meta-analysis testing equivalence of outcomes. Am. J. Psychiatry 174, 943–953. 10.1176/appi.ajp.2017.17010057

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